Prof. Dr. Klaus Wengst
GESPRÄCHSBEITRAG ZUR LAUDATIO FÜR EDNA BROCKE
Israel & Wir. Eine theologische Perspektive
Liebe Edna, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Mir ist ein Zeitrahmen von zehn Minuten gegeben. Ich formuliere deshalb nur vier Thesen, die ich skizzenhaft erläutere.
1. Christen sind von ihrer Bibel her grundlegend auf Israel/Judentum verwiesen; diese Verwiesenheit gehört ins Zentrum christlicher Identität
a) Die im Judentum entstandene und sich im Judentum bewegende auf Jesus bezogene Gemeinschaft hatte als ihre selbstverständliche Grundlage, was im Judentum der Zeit als heilige Schrift gelesen wurde. Auch die sich dann im Gegenüber und im Gegensatz zum Judentum bildende christliche Kirche hat in aller Selbstverständlichkeit an der jüdischen Bibel festgehalten, die sie als Altes Testament zum ersten Teil ihres Kanons machte. Ob das Alte Testament Teil des christlichen Kanons ist oder nicht, darüber ist in der Kirche nie abgestimmt worden, sondern diese Zugehörigkeit war selbstverständliche Voraussetzung. Wer das in Frage stellte, begab sich aus der Kirche hinaus. Damit war aber von vornherein über die in meinen Augen wichtigste theologische Frage entschieden, nämlich wer für die Kirche Gott ist: gewiss der Gott aller Welt, aber kein Allerweltsgott, sondern Israels Gott, dem es gefallen hat, mit diesem Volk eine besondere Bundesgeschichte zu haben – und dem es gefällt, sie auch weiterhin zu haben. Denn das haben wir inzwischen aus der Wahrnahme des tatsächlich existierenden Judentums und auch aus Zeugnissen des Neuen Testaments gelernt, dass die Bundesgeschichte Gottes mit seinem Volk Israel nicht mit Jesus endet, sondern unabhängig von ihm weitergeht. Wenn aber der biblisch bezeugte Gott – im Neuen Testament ist das nicht anders – Israels Gott ist, dann gibt es Gott nicht ohne seine Bundespartnerschaft mit diesem Volk. Würde Israel ausgerottet, gäbe es auch Gott nicht mehr als Israels Gott. So habe ich Juden in Geschichte und Gegenwart achten und schätzen gelernt als Zeugen Gottes, zu dem meine Vorfahren – und ich mit ihnen – durch Jesus im heiligen Geist gekommen sind.
b) Es ist für mich eine wesentliche Lernerfahrung der letzten zehn Jahre, dass zwar das Neue Testament als ganzes ein christliches Buch ist, dass aber die meisten seiner Schriften von ihrem Inhalt und vom Selbstverständnis ihrer Verfasser her jüdische Schriften sind. Auch das unterstreicht noch einmal die grundlegende Verwiesenheit der christlichen Kirche auf Israel/Judentum. Natürlich ist wahrzunehmen, dass sich die auf Jesus bezogene Gemeinschaft aus dem Judentum heraus entwickelt und sich die christliche Kirche nicht nur im Gegenüber, sondern oft genug auch im Gegensatz zum Judentum gebildet und verhalten hat. Aber ich halte es nach der langen „Vergegnungsgeschichte“, wie Buber sie genannt hat, für angemessen und wichtig, bei klarer Erkenntnis des bleibend Trennenden und unter Respektierung unüberschreitbarer Grenzen das Verbindende und Gemeinsame zum Bewusstsein zu bringen – damit Christen nicht mehr in den Überlegenheitswahn verfallen und rückfällig werden in alte Verhaltensmuster gegenüber dem Judentum.
2. Aus der theologisch begründeten Verwiesenheit der christlichen Kirche auf Israel/Judentum ist der Staat Israel nicht säuberlich herauszunehmen, als habe er damit nichts zu tun.
a) Karl Barth stellte kurz nach der Staatsgründung staunend fest, dass dieser Name „Israel“ „nun so überraschend aus der Sprache der Bibel und der Kirche, aus der ‚Sprache Kanaans‘ plötzlich wieder in die Zeitung“ übergegangen ist (KD III 3, S. 241). Bei der heutigen Bibelvergessenheit weiter Teile der Gesellschaft dürfte das Staunen allerdings eher in umgekehrter Richtung erfolgen, dass nämlich der Name „Israel“ schon in der Bibel verankert ist und nach deren Darstellung zuerst dem Stammvater Jakob nach seinem geheimnisvollen Kampf am Jabbok gegeben wurde (Gen 32,29). Die nach dem biblischen Bericht in Bundesschlüssen Gottes dem Jakob und schon seinen Vorfahren Abraham und Isaak gegebenen Verheißungen beziehen sich auf Nachkommenschaft, auf die Gabe eines bestimmten Landes und auf sicheres Leben im Land, nämlich im „Land Israel“, wie es auch im Matthäusevangelium genannt wird (Mt 2,20f.). Es ist alles andere als zufällig, sondern in der biblischen und weiteren biblisch-jüdischen Tradition begründet, dass 1948 der neu geschaffene jüdische Staat den Namen „Israel“ erhielt und dass er an diesem Platz der Welt, eben im „Land Israel“, seinen Ort fand – und nicht in Uganda, Madagaskar oder sonst wo.
b) Die Verbindung des Volkes Israel mit dem Land Israel ist also biblisch begründet. Diese Verbindung muss nicht die Form staatlicher Verfasstheit haben und hat sie auch lange nicht gehabt. Darüber wurde bereits 1970 in einer Handreichung der Niederländisch Reformierten Kirche nachgedacht: „Die Verheißung Gottes gilt wohl der bleibenden Verbundenheit von Volk und Land, aber nicht in gleicher Weise der von Volk und Staat. … Wie aber gegenwärtig die Dinge liegen, sehen wir einen freien Staat als die einzige Möglichkeit, die das Bestehen des Volkes gewährleistet und dem jüdischen Volk die Möglichkeit gibt, wirklich seinem Wesen zu leben.“
c) Eine christliche Lektüre neutestamentlicher Schriften, die nicht mehr nur sich selber sieht und nicht blind gegenüber Israel ist, kann in ihnen sich auch findende „Bodenständigkeit“ im Blick auf Volk und Land Israel stehen lassen und wahrnehmen. Wir haben bald wieder Advent und Weihnachten. Ich empfehle Ihnen, einmal langsam und gründlich und möglichst unbefangen die ersten beiden Kapitel des Lukasevangeliums zu lesen. Dort werden auf Israel bezogene messianisch-politische Verheißungen gebracht. Sie werden nicht spiritualisiert, sondern gelassen, wie sie sind. Ich will nur einen Satz zitieren. In ihm spricht der Priester Zacharias unmittelbar nach der Beschneidung seines Sohnes Johannes im Blick auf „Israels Gott“ (Lk 1,68) die Bitte aus, „es uns – befreit aus der Hand unserer Feinde – zu geben, dass wir ihm ohne Furcht dienen können in Lauterkeit und Gerechtigkeit, vor ihm alle unsere Tage“ (Lk 1,73–75).
d) Von all dem her sehe ich mich als Christ in Solidarität gestellt mit dem Staat Israel, nicht in eine Position neutralen Abwägens, sondern in eine unbedingt verpflichtende und ganz und gar parteiliche Solidarität – solange jedenfalls mächtige Staaten der Region und von ihnen ausgehaltene und ausgerüstete militante Verbände die Existenz des Staates Israel mit dem Ziel seiner Vernichtung in Frage stellen.
3. Aus dem Erschrecken über die Verheerungen des zweiten Weltkriegs und über den Massenmord an den jüdischen Männern, Frauen und Kindern Europas durch Deutschland entstand die Doppelparole: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz!“ Sie kann in ihren beiden Teilen nicht gleichgewichtig aufrecht erhalten werden.
Dass das nicht geht, ist mir während des zweiten Golfkrieges 1991 deutlich geworden. Ich habe deshalb damals nicht an Friedensdemonstrationen teilgenommen, obwohl ich mich vorher stark in der Friedensbewegung engagiert hatte. Wenn man die erste Parole absolut setzt, kann es geschehen, dass etwas von dem, wenn nicht alles, was die zweite Parole verneint, sich doch wieder ereignet. Wer wirklich will, dass es „nie wieder Auschwitz“ gibt, kann und darf nicht reflexartig mit Friedensdemonstrationen gegen Israel reagieren, wenn es gezwungen ist, sich um der Erhaltung seiner immer noch in Frage gestellten Existenz willen mit militärischer Gewalt zu wehren.
4. Theologische und politische Einsichten werden gewiss auch in der Studierstube gewonnen; für die Einsicht der grundlegenden Verwiesenheit der christlichen Kirche auf Israel/Judentum scheinen mir aber die Begegnung und der Austausch mit lebenden Jüdinnen und Juden zumindest hilfreich, wenn nicht unerlässliche Bedingung zu sein.
Jedenfalls wäre mein theologischer Weg ohne solche Begegnungen mit Sicherheit anders verlaufen. Ich sehe es als eine gute Fügung an, liebe Edna, dass ich Dir begegnet bin. Du warst mir Lehrerin und Gesprächspartnerin in großer Kontinuität; wenn ich richtig zähle, haben wir an der Ruhr-Universität sechzehn Seminare gemeinsam gehalten. Für die dabei und anderswo gegebenen Anfragen und Anstöße danke ich Dir. Und deshalb freue ich mich, dass Du heute den Hans-Ehrenberg-Preis bekommst.
Beitrag Prof. Dr. Günter Brakelmann
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