Hans-Ehrenberg-Preis 2009

Prof. Dr. Günter Brakelmann

GESPRÄCHSBEITRAG ZUR LAUDATIO FÜR EDNA BROCKE

Hans Ehrenberg – ein „Christ aus Israel“

Es war schon ein erstaunlicher Mann, der hier in Bochum von 1925 bis 1938 als Pfarrer der Altstadtgemeinde lebte:

Politisch war Ehrenberg von Jugend an antinationalistisch, antiimperialistisch,  antivölkisch und schließlich antinationalsozialistisch.
Vor allem aber hat er vor, im und nach dem Ersten Weltkrieg, an einem großen einmaligen Religionsgespräch teilgenommen. Mit seinem Vetter Franz Rosenzweig, dem berühmten Religionsphilosophen,  hat er mit kurzen Unterbrechungen einen jüdisch-christlichen Dialog versucht, begleitet von den Freunden Rosenstock-Huyssi und Martin Buber. Zusammen entwickelten sie die sog. Ich-Du-Philosophie, die zu den originellsten philosophischen Entwürfen der Weimarer Zeit gehören dürfte. Ehrenbergs ausgeprägtes dialogische Interesse wendet sich auch der russischen Religionsphilosophie und dem Reformkatholizismus zu.

In allen Phasen seines Lebens hat er über seine theoretischen Erkenntnisse, immer verbunden mit dem Willen zu neuer Praxis,  Bücher geschrieben und Aufsätze publiziert. Er war ein in Deutschland bekannter Autor und Publizist. In der eigenen Kirche waren viele Amtsbrüder und Gemeindeglieder ihm gegenüber aber  kritisch sowohl als sog. Judenchristen wie als Demokrat. Sein kirchliches Umfeld war mehrheitlich antirepublikanisch und antisozialistisch. Vor allem aber was es antisemitisch, in Sonderheit  gegenüber dem emanzipierten Judentum in der Wirtschaft und im Kulturleben.
Ehrenbergs Bemühungen, so etwas wie einen christlich-jüdischen Dialog zu führen, die traditionelle Judenmission in eine gleichrangige Dialogpartnerschaft mit jüdischem Glauben und jüdischer Theologie zu überführen – dieses und vieles andere hatte unter den Bedingungen der Spätphase der Weimarer Republik, in der von 1930 an die NSDAP ihren Siegeszug antrat, keine Chancen mehr. Es waren der Milieuprotestantismus wie der kirchliche Protestantismus, die ihren  jahrhundertalten Stoeckerschen Antisemitismus mit dem weltanschaulichen und politischen Antisemitismus der NS-Bewegung mühelos verschmelzen konnten.
Ehrenberg, der jahrelang die Bochumer geistige Szene mitbestimmt hatte, muss sich ab 1933 auf seine Gemeindearbeit und auf die Mitarbeit in der sich bildenden bekennenden Kirche beschränken. Vergebens hat er seine Kirche angemahnt, ein öffentliches Wort zur sog. Judenfrage, nicht nur zur judenchristlichen Frage,  zu sprechen. Dies Wort ist bis 1945 nie gesprochen worden. Auch die Barmer Theologische Erklärung hat zu seiner Enttäuschung zur Judenfrage geschwiegen. Seine Kirche hat auch kein öffentliches Wort zur gesellschaftlichen und politischen Entrechtung der jüdischen Mitbürger gesagt, aber ununterbrochen der Innen- und Außenpolitik  des Volkskanzlers den Segen Gottes gewünscht. Niemals ist in evangelischen Kirchen für ein Staatsoberhaupt so inbrünstig gebetet worden wie für Hitler.
Auch am 9. November 1938 haben nur einzelne Pfarrer und Gemeindeglieder gegen das Anzünden der Synagogen und die nachfolgende Sondergesetzgebung für Juden protestiert. Ehrenberg musste den politisch-moralischen Tiefstand seiner Kirche erleben. Er selbst war schon 1937 seines Amtes auf Druck der Gauleitung  enthoben worden. Als er sich dann am 10. November 1938 der Bochumer Polizei stellen musste, war es sein Amtsbruder  Albert Schmidt, der vorher in der von SA verwüsteten  Wohnung in der Goethestr. mit ihm und seiner Familie ein letztes Abendmahl feierte. Als Schmidt am nächsten Sonntag von den Vorgängen um Ehrenberg in der Pauluskirche beim Gottesdienst berichtete, wurde er in der Sakristei verhaftet, eingekerkert und seines Amtes enthoben.  Alle übrigen Brüder und alle kirchenleitenden Organe haben öffentlich geschwiegen. Sie fühlten sich nicht mehr in der Lage, gegen den totalen Staat zu opponieren. Ehrenberg wurde zusammen mit Bochumer Juden ins KZ Sachsenhausen gebracht. Zugeteilt wurde er dem sog. Judenblock. Der Bochumer Rabbiner Dr. Moritz David und vor allem der Jude Hans Reichmann, der einen aufregenden Bericht über Sachsenhausen geschrieben hat,  haben mit Ehrenberg nachgedacht über das, was sie im KZ erleben mussten. Es waren jetzt nicht mehr hochgelehrte Disputationen, die man miteinander im akademischen Klima führte, sondern der Versuch letzter Sinngebung des täglichen Sehens und Erfahrens eines systematisch inszenierten – wie sie es nannten - Satanismus und Vernichtungswillens. Ob Christ oder Jude – sie waren gemeinsam Opfer eines neuheidnischen  Großversuchs geworden, der nach der Judenvernichtung  auch das Christentum auslöschen wollte. Für Ehrenberg und seine Leidensgenossen war es klar, dass es in der Logik des Vernichtungsantisemitismus lag, dass nach den Synagogenbränden auch die Kirchen brennen würden.
Es war der NS-Vernichtungswille, der Juden und Christen im Angesicht des Todes neu zueinander finden ließ und die Aufgabe für die Zukunft formulieren ließ: nämlich die jüdisch – christliche  Frage als Frage nach dem gemeinsamen Gott gleichzeitig als Frage nach dem gemeinsamen Leben zu verstehen.
Das Erleben der Extremsituation eines Konzentrationslagers, das den „Geist“ des Nationalsozialismus unverhüllt in Aktion zeigt, hat den Lagerinsassen Hans Ehrenberg in seiner Existenz als „Christ aus Israel“ nicht zerstört, sondern ihn in seiner Gewissheit gestärkt, dass es nur eine Kraft aus tiefster Tradition gibt, die die Hölleninszenierung dieses politischen Großexperimentes  zu überwinden vermochte: die jüdisch-christliche Tradition, die den in der Geschichte sich offenbarenden Gott in seiner Menschenfreundlichkeit bezeugt. Der Glaube an diesen Gott des Rechtes, der Liebe und Barmherzigkeit kann Menschen ein humanes Rechtsbewußtsein geben, kann Menschen lieben lassen und barmherzig sein. Der Gehorsam gegen die menschenfreundlichen Gebote dieses Gottes kann praktische Humanität im Prozess von Geschichte ermöglichen. Der Glaube an diesen sich offenbarenden Gott kann den Menschen vor seiner eigenen Dämonisierung schützen.
Das war für Hans Ehrenberg die praktische Quintessenz seines mühsamen und nie beendeten Dialoges:
Juden und Christen haben als Geschöpfe des einen Gottes die  gemeinsame Aufgabe, der Menschlichkeit in dieser Welt konkreten Raum zu geben. Jeder Dialog dient letztlich dem Frieden unter immer wieder friedlosen Menschen.



Übersicht

Beitrag Prof. Dr. Klaus Wengst

 

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