Christuskirche Bochum

Das Mosaik in der Titelleiste unseres Internetauftrittes stammt aus der Christuskirche Bochum, in der Hans Ehrenberg 1925 seine Antrittspredigt gehalten hat und in der heute die Preisverleihung des Hans-Ehrenberg-Preises stattfindet.

Am 19. Juli 1925 - wenige Wochen, bevor Hans Ehrenberg seine Antrittspredigt hält - setzt das Presybterium seiner neuen Gemeinde einen Artikel in die Presse mit der balkengroßen Überschrift "Heldenehrung".

Es gehöre zu "unseren heiligsten Pflichten", heißt es in dem Bericht, denen, die "ihr Blut für uns vergossen haben", ein "für die jahrhunderte dauerndes" Gedächtnis zu stiften. Die "Heldenehrung" soll "an das teure Blut gemahnen, dem wir unsere und unseres Volkes Rettung und Zukunft verdanken".

Was sich wie eine christologische Hymne ausnimmt, galt den 1358 Gemeindegliedern, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. "Gefallene Helden" seien sie, weil sie "ihr Leben für uns und unser deutsches Vaterland geopfert" hätten. Dass sich diese 1358 Männer kaum selber geopfert haben, sondern geopfert wurden, war Ehrenberg, dem Frontoffizier, schon während des Krieges aufgegangen. Die Mehrheit seiner Amtsbrüder aber - Ehrenberg beschreibt sie mal als "teils dumm, teils nett, teils intigrant, teils vornehm, alles 19.Jahrhundert" - treibt ein Projekt voran, das theologisch immer bizarrer wird:

Die Eingangshalle zur Christuskirche wird zur "Heldengedenkhalle" umgestaltet und der ganze Raum mit einem Mosaik ausgestaltet. An den Seitenwänden listet das Mosaik die Namen der 1358 Gefallenen auf, oberhalb der Namensreihen aber throhnt eine Christusfigur, der sich, wie es zur Einweihung im März 1931 hieß, "die auferstehenden Helden aus einer Wolkendecke heraus entgegen strecken". Neben den Namen führt das Mosaik eine weitere Liste auf, darauf die Namen der 28 "Feindstaaten".

Als sollten die Fronten auf Dauer gestellt werden. Dagegen hat, neben Hans Ehrenberg, auch Ernst Winnacker Protest eingelegt: "In der Kirche," so der Pfarrer, der später zur Bekennenden Kirche zählte, "hat Frieden zu herrschen". Der Gottesdienst zur Einweihung aber steht unter dem Wort aus Römer 8 "Ist Gott für uns, wer mag wieder uns sein", in der Predigt wird dazu aufgerufen, "den Helden gleich opferfroh zu bleiben", und die Gemeinde singt "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende".

Es ist die Zeit, in der Bochum von den Nazis erobert wird, in der Innenstadt stellt die NSDAP bereits die größte Fraktion. Ihre Kundgebungen halten die Nazis gewöhnlich im Evangelischen Vereinshaus ab, und Ehrenberg muss mit ansehen, wie sein Presbyterium sich und das kirchliche Haus der völkischen Ideologie öffnet. Joseph Goebbels erklärt hier im September 1931: "Legal und höflich bis in die letzte Galgensprosse, aber gehängt wird doch."

Kaum eine Feier, "bei der nicht Pfarrer als Redner anwesend sind", bilanziert Günter Brakelmann das Jahr 1933, und Ehrenbergs Amtsbrüder reden begeistert mit. Der eine spricht auf der Weihanchtsfeier der NSDAP und fordert den "stahlharten Willen, der vor allem zum Opfern bereit sei", und dafür fände "der Kämpfer von heute in dem Kämpfer Christus ein Vorbild". Ein anderer lädt die SA-Standarte zum Gottesdienst und erklärt ihr, das "Führerprinzip" sei "im Evangelium verwurzelt". Ein dritter, Martin Siebold, avanciert zu einer Art Hofprediger der Bochumer Nazis: "Das dritte deutsche Reich ruht auf dem Opferblut der Besten unter uns", predigt er ihnen, "welche Größe liegt darin, um des Volkes Zukunft willen das eigene junge Leben aufzuopfern" usw.

Darum also die "Helden-Gedenkhalle" in der Christuskirche, darum die Liste mit den "Feindstaaten": Wer sich opfern soll, muss nicht nur wissen, für was, sondern gegen wen. So gesehen ist es höchst irritierend, dass ausgerechnet dieser Turm mit dieser "Heldenehrung" den Weltkrieg der Nazis überdauert. Im November 1944, als die Bochumer Innenstadt in Trümmern liegt, ragt er aus den Ruinen empor und prägt das Bild einer Stadt, die keine mehr ist.

Dass er heute noch steht, lässt sich nur als Protest begreifen gegen die Gewalt, der er einst selber zum Ausdruck verhalf. Und so nur lässt sich die neue Christuskirche verstehen, die im September 1959 eingeweiht wurde. Abgesetzt vom ausgebrannten Turm, verdeutlicht das Ensemble den Bruch mit der Vergangenheit, ohne sie zu leugnen.

Durch diesen Bruch hindurch aber weist die neue Christuskirche, ihr vollkommen bildloser Raum, zurück auf das Erste Gebot, das so jüdisch ist, wie es der christliche Glaube einmal war: Gott ist der Eine, der allen Bildern sich entzieht. Und wie verloren wirkt das Altarkreuz in der Leere. Nach einem Jahrhundert, das, wie Hans Ehrenberg einmal schrieb, "in kommenden Tagen als solch ein Alptraum erscheinen wird", sperrt sich die neue Christuskirche gegen jeden Versuch, unsägliches Leiden mit falschem Trost zu übermalen und einem herzhaften Hurra, wir leben noch. Hier fahren keine Helden mehr durch Wolken ein ins Paradies. Und selig die Kirche, die Helden nicht kennt.

Hans Ehrenberg jedenfalls - er hat die neue, die bilderlose Christuskirche nicht mehr gesehen - hat sich dagegen gewehrt, dass sein Leben als Heldengemälde gepinselt wird: "Wir haben es rundweg abgelehnt, als Helden betrachtet zu werden", schreibt er in seiner Biographie, und seine Bekennende Gemeinde nennet er eben nicht die "Helden des Glaubens", sondern "ein Orchester". Und zwar eines "während der Proben".

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