BEGRÜNDUNG DER FINDUNGSKOMMISSION
In dem auf Erinnerung, Versöhnung und zeichenhafter Übernahme persönlicher Verantwortung zielenden Werk der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, wenige Wochen nach dem Tod Hans Ehrenbergs gegründet, sehen wir Ehrenbergs Lebenswerk und Glaubenszeugnis aufgehoben und in Verantwortung vor der Geschichte weitergeführt. Erinnerungen prägen Gegenwart und Zukunft: Die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hat der europäischen Erinnerung und Verständigung einen Weg geebnet.
ERLÄUTERUNG
(I) Erinnerung
Hans Ehrenberg 1948: "Das Dritte Reich wird zu den kaum erzählbaren Dingen gehören. Die Jahre des Dritten Reiches wird man aus einer gewissen Ermüdung heraus - und nicht nur in Deutschland - mit Erfolg vergessen wollen."
ASF: "Wir haben gelernt, dass die Erinnerung auf einen Dialog angewiesen ist, um nicht zum Selbstgespräch zu verkommen. Zum Dialog gehört die Bereitschaft zum Zuhören, die nicht üblich war und es auch heute noch nicht ist. Die Geschichten der Gewalterfahrung müssen regional erzählt und europäisch gehört werden."
(II) Versöhnung
Ehrenberg, Opfer der Nazis, hat Versöhnung radikal gelebt und selbst die "Henker des Lagers, Menschen, in deren Schuhen ich nicht einen einzigen Tag lang hätte stehen mögen", einbegriffen: "Seit ich im Nazi-Mörder meinen Nachbarn wahrnahm, habe ich ein anderes Verständnis von Agape erlangt, von der Liebe, die niemals der Pflicht wegen tätig wird, sondern immer spontan."
ASF hat den Prozess der Versöhnung aus der Einsicht in das Versagen auch der christlichen Kräfte in Gang gesetzt: "Wir Deutschen", heißt es im Gründungsaufruf, "haben unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet" und "Millionen von Juden umgebracht. Wer von uns Überlebenden das nicht gewollt hat, der hat nicht genug getan, es zu verhindern." Das ist der Gestus, mit dem ASF der "Selbstrechtfertigung eine Kraft entgegensetzt".
Noch heute ist das Zusammentreffen mit ASF-Freiwilligen für viele Überlebende der Shoah die erste intensivere Begegnung mit Deutschen seit dem Krieg:
"Es ist eingetreten. Ich – das Opfer – und du – der Enkel der Henker – haben eine gemeinsame Sprache gefunden", schreibt Zilla Rosenberg-Amit, Überlebende der Shoah, an einen Freiwilligen der ASF. "Wenn ich Menschen wie dir begegne, die sich Gedanken machen, die ein Gefühl für Verantwortung haben, regt sich das 'vielleicht', das kleine, zögernde 'vielleicht': Vielleicht wird es morgen anders sein?"
(III) Zeichenhafte Übernahme persönlicher Verantwortung
Ehrenberg 1943 im englischen Exil: "Hoffnung, Liebe, Glaube. Diese drei Tugenden haben nicht nur die Aufgabe zu bauen, Ordnung zu schaffen und Leben hervorzubringen, sondern auch die, die Ruinen fortzuschaffen, die Europa bedecken."
ASF geht es - wie Ehrenberg - um praktische Versöhnung, konkretes Handeln, um "handgreifliche Taten", eben um eine "freiwillige Aktion". ASF befähigt dazu, sich "als Teil einer Gesellschaft zu begreifen, die durch ihre Mitglieder gestaltet wird": Freiwillige als "Multiplikatoren für ein menschlichere Welt".
Dass sich Verantwortung nicht delegieren lässt, ist wiederum ein wesentliches Moment der Theologie Hans Ehrenbergs. Karl Heinz Potthast, ein enger Freund Hans Ehrenbergs: "Ich erinnere mich an meinen letzten Besuch vor seinem Tode in Heidelberg. Seine große Hoffnung beruhte auf den Laien in allen Konfessionen. Sie seien die eigentlichen Fachleute des Glaubens im Alltag der Welt."
(IV) Der europäischen Erinnerung und Verständigung den Weg geebnet
Ehrenberg 1943 im "Blick auf Europa": "Ich bin nicht mehr in der Lage, den Frieden ins Auge zu fassen. Nichts in der Welt ist so sehr ein Gegenstand des Wunders geworden wie die Möglichkeit eines Friedens." Und doch hielt Ehrenberg fest an der verwegen Hoffnung, "dass der Tag kommen wird, an dem die Seestrecke London-Hamburg wieder befahren wird. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es zu viel, dies zu erhoffen."
Joschka Fischer 2004 im Blick auf ASF: "Als deutscher Außenminister
bin ich froh, auf Reisen durch Europa, die USA und Israel immer wieder auf charakteristische
Spuren der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste zu stoßen. Es scheint
mir eine besondere Stärke dieser Menschen zu sein, in den Ländern
ihres Wirkens gezielt und nachhaltig die Auseinandersetzung mit der durch Auschwitz
geprägten Geschichte zu suchen und gleichzeitig hellwach und aufgeschlossen
zu sein gegenüber aktuellen inner- und zwischenstaatlichen Konflikten."
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