Hans-Ehrenberg-Preis 2004

Der Festakt: Laudatio
Dr. Margot Käßmann - Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

 

Jg. 1958; Studium der evangelischen Theologie in Tübingen, Edinburgh, Göttingen und Marburg; 1983 Vikariat in Wolfhagen, 1985 Gemeindepfarramt in Frielendorf; 1989 Promotion an der Ruhr-Universität Bochum bei Prof. Dr. Konrad Raiser zum Thema "Armut und Reichtum als Anfrage an die Einheit der Kirche“.

1992 Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Hofgeismar sowie weitere Lehraufträge; von 1994 bis 1999 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, von 1983 bis 2002 Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen; seit September 1999 Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Mitglied des Rates der EKD.

Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. "Gewalt überwinden" (2002), "Erziehen als Herausforderung" (2002), "Kirche in gesellschaftlichen Konflikten" (2003); Mitherausgeberin der Zeitschriften "Evangelische Theologie" und "Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zur Religion und Gesellschaft".

Meine Damen und Herren, lieber Robert Leicht,

gestern Nachmittag in meiner Kanzlei, in Hörweite des Stadions von Hannover 96, habe ich so überlegt, ob das denn heute gut geht, 3 : 0 gegen den VfL Bochum! Aber dann dachte ich, im Römerbrief steht, wenn ein Glied geehrt wird, dann freuen sich alle mit, und wenn ein Glied leidet, leiden alle mit. Insofern können wir friedlich zusammen kommen, und wie Alfred Buß mir gesagt hat, sind die Poller an der Grenze nicht hoch gezogen.

Nun soll ich eine Laudatio halten auf einen, der soeben erst in den Grußworten geehrt wurde und erst recht anlässlich seines 60. Geburtstages. Im Berliner TAGESSPIEGEL war von Hymnen auf den Mann zu lesen - wie soll es da jetzt eine Steigerung geben? Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, hat aus jenem Anlass das Engagement von Robert Leicht für den deutschen Protestantismus deutlich gewürdigt. Er besitze als Nichttheologe, so sagte Huber, „eine Leidenschaft für gute Theologie" und habe selbst zu ihr beigetragen. Der Evangelische Pressedienst würdigte Robert Leicht als politischen Publizisten und engagierten Protestanten, der als Professor lehre und von Kanzeln predige wie beispielsweise im Berliner Dom oder im Hamburger Michel. Hervorgehoben wurde vielfach, dass Robert Leicht sich als Publizist immer wieder theologisch und auch kirchenpolitisch zu Wort melde - so etwa zum Jahrtausendwechsel mit einer viel diskutierten ZEIT-Serie über die Bergpredigt.

Aber der Hans-Ehrenberg-Preis ist ja kein Geschenk zum 60. Geburtstag. Es ist ein Preis in Erinnerung an einen mutigen Protestanten, der sich im freien Denken nicht gleichschalten ließ, der bereits im Ersten Weltkrieg eine kritische Position zur militärischen Logik entwickelte und schon 1933 öffentlich gegen den Rassismus der Nationalsozialisten antrat. Als christlicher Theologe jüdischer Herkunft war das ein besonderes Wagnis. In der Regel hat unsere Kirche gerade diese Theologen in jenen Jahren im Stich gelassen. Ich erinnere an Pastor Johann Gerhard Behrens aus dem Bereich meiner Landeskirche. Er hat sich treu zur biblischen Botschaft gehalten: dass jeder Mensch von Gott geliebt ist, dass Jesus Jude war. Dafür wurde er im September 1935 vom nationalsozialistischen Mob misshandelt, gefesselt und mit einem Schild "Ich bin ein Judenknecht" auf Brust und Rücken, von einer SA-Musikkapelle begleitet, durch die Straßen der Stader Innenstadt gejagt. Die örtliche Kirchenleitung wie meine Kirchenleitung in Hannover - damals und auch nach dem Krieg - hat Behrens nicht beigestanden, sondern sogar darauf bestanden, dass er „entnazifiziert" werden müsse.

Heute dürfen wir dankbar sein, dass es in jener Zeit solche tapferen Zeuginnen und Zeugen unseres Glaubens gab. Der Hans-Ehrenberg-Preis zeichnet Persönlichkeiten aus, die, so sagen die Statuten, „genuin protestantische Profile in öffentlicher Auseinandersetzung vertreten und - in aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen, in der interdisziplinären Wissenschaft und im Bereich kirchlichen Handelns - vergegenwärtigen". In der diesjährigen Begründung der Findungskommission heißt es: Robert Leicht beharre „auf dem protestantischen Prinzip und sucht im Dialog mit Menschen anderer Überzeugungen, die Welt auf Gottes Gerechtigkeit hin zu verändern. Wie Hans Ehrenberg markiert Robert Leicht aber auch, wo nötig, die Grenze des Dialogs. Seine Stimme war zunächst sehr einsam, als er sie mit bewundernswerter Entschiedenheit gegen den Versuch erhob, antisemitische Denkmuster in den politischen Wahlkampf einzuführen. Für Robert Leicht begründet die Freiheit der Gewissen niemals die Freiheit, das Gewissen zu suspendieren.

Das, lieber Robert Leicht, sind große Worte und große Fußstapfen! Lassen Sie mich in der gebotenen Kürze vier Perspektiven aus meiner Sicht aufzeigen für die notwendige öffentliche Präsenz des Protestantismus heute, für die Robert Leicht einsteht.

Erstens: Teilhabe am Verkündigungsauftrag

Das Evangelium selbst drängt in die Öffentlichkeit, wir nehmen teil an der Communicatio Gottes - das ist immer wieder als theologische Begründung evangelischer Publizistik zu lesen. Und das ist gewisslich wahr, würde der Apostel sagen, seit den ersten Zeuginnen der Auferstehung und den ersten Briefen an die Gemeinden. Aber wie drängt das Evangelium heute in die Öffentlichkeit? In alten Formeln? In Riten und Ritualen? Implizit oder explizit? Christliche Kommunikation hierzulande geht meines Erachtens oft immer noch davon aus, dass sie beim Gegenüber auf bestimmte Voraussetzungen trifft, auf ein Vorverständnis, das allerdings längst nicht mehr selbstverständlich ist. Ein Beispiel: Nur noch 57% der Deutschen kennen die Weihnachtsgeschichte, und von denen glaubt jeder Vierte, sie stamme von den Gebrüdern Grimm. Das Vorverständnis ist da etwas eingerostet.

Sprachfähigkeit und Sprachkompetenz des Glaubens braucht unsere Zeit. Bei den Adressaten können wir kaum noch zwischen Insidern und Outsidern unterscheiden. Längst hat sich auch im binnenkirchlichen Bereich Sprachlosigkeit breit gemacht und Unkenntnis. Elementares Wissen, elementare Zugänge sind gefragt. Das gilt gerade im Bezug auf die Menschen in den Medien. Auch dazu ein kleines Beispiel: Vor kurzem war ein Fernsehteam in unserer Kanzlei. Das ZDF suchte mal wieder „Unsere Besten". Dieses Mal ging es um die zehn besten Bücher, und man ging davon aus, dass die Bibel unter die ersten zehn komme. Das fand ich ja schon mal angemessen, die Bibel unter den ersten zehn. Sie sagten: „Wir schicken Ihnen einen Kameramann und eine junge Journalistin, und die stellen Ihnen drei Fragen, die beantworten Sie ganz schnell, und das ist es dann." Gut, habe ich gedacht, das schaffe ich.

Die beiden kamen, die Journalistin fragte: „Können Sie in einem Satz zusammenfassen, was in diesem Buch steht?" I did my very best, kann ich da nur sagen. Zweite Frage: „Würden Sie die Bibel als Urlaubslektüre empfehlen?" Aber sicher, habe ich gesagt, Joseph und seine Brüder am Strand, das stelle ich mir spannend vor. Dritte Frage: „Finden Sie, dass dieses Buch Weltliteratur ist?" Ja, konnte ich da nur sagen, Weltliteratur!

Gar nicht so einfach, das Ganze, es sollte ja immer ganz kurz sein. Als sie zusammenpackten, meinte der Kameramann: „Meinen Se echt, da sollte man mal reinschauen, auch wenn man so mit Kirchens nix am Hut hat?" Klar, habe ich gesagt, auch wer nicht Christ ist, muss etwas von der Bibel wissen. Europäische Geschichte, Kultur, Architektur können sie nur verstehen, wenn sie die Bibel kennen. Und überhaupt, denken sie mal an die Umgangssprache: 'Wolf im Schafspelz', ,Tohuwabohu', das 'Licht unter den Scheffel stellen', ,unter aller Kanone' - stammt alles aus der Bibel. „Voll cool, Mann", hat er da gesagt ...

Ich bin überzeugt, wir haben einen öffentlichen Bildungsauftrag gerade mit Blick auf biblische Fragen, auf Grundsatzthemen. Mir begegnet beispielsweise immer wieder ein völliges Unverständnis mit Blick auf die historisch-kritische Methode. Ist das möglich, so viele Jahre nach dem Tode Rudolf Bultmanns, immer noch Unkenntnis in unseren Gemeinden? Es gibt Menschen, die längst nicht wissen, was Glaubensgrundlagen sind, elementares Katechismuswissen fehlt. Nicht irgendwo da draußen an den Rändern, nein, im Zentrum.

Zentrale Glaubensthemen sind „dran". Uns mit unserer eigenen Sache zu präsentieren, das stößt schon auf Neugier und Akzeptanz - wenn es denn gut gemacht ist. Ich denke da etwa an eine aktuelle Veranstaltungsreihe in meiner Landeskirche unter dem Motto „Hallo Luther statt Halloween". Da gibt es dann: „Frauenfrühstück mit Käthe", „Luther & Herbstmarkt" oder eine Serie „Wissen, Spannung und Action für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren" unter dem Motto „Warum wurde Martin L. gekidnappt?"

Das ist großartig, das verbindet Spannung mit Wissen. Unterhaltung mit Verkündigung. Religio-Entertainment sozusagen. Wie sagte Luther: Das Evangelium kann nur mit Humor gepredigt werden! So mancher griesgrämige, um Geld und Strukturen besorgte Protestant hat das vergessen. Zudem: Protestantische Präsenz sollte professionell gemacht sein, bitte! Liebevoller Dilettantismus mag ja für manche einen eigenen Charme haben nach dem Motto: „Es funktioniert nicht, aber wir sind halt bei Kirchens". Wir können glücklicherweise auch anders: Die Erfahrung, die wir als Hannoversche Landeskirche und als EKD bei der EXPO 2000 gemacht haben, ist die, dass der Christus-Pavillon positiv wahrgenommen wurde, weil - das hat eine Umfrage ergeben - 91 % der Besuchenden erklärt haben: Er ist professionell gemacht.

In diesem Zusammenhang finde ich es bemerkenswert und erfreulich, dass wir als Kirche den Anschluss an das Internetzeitalter geschafft haben. Das war dringend notwendig. Ich denke an die Chat-Seelsorge, die gerade ein Jahr alt geworden ist, da ist unsere Kirche hervorragend präsent. Ich denke an die Kampagne „Advent ist im Dezember", die wir vorgestern in der EKD in ein neues Jahr geschickt haben. Das ist toll konzeptioniert: ein Internet-Auftritt, ein interaktiver Adventskalender, kann ich Ihnen jetzt gar nicht alles erklären, www.advent-ist-im-dezember.de, schauen Sie sich das mal an. Oder: Auf der CeBit war ich eingeladen zu einer Diskussion mit den im niedersächsischen Landtag vertretenen Parteien über die neuen Medien. Zu Beginn wurde ein Experte nach den Internet-Auftritten der anwesenden Diskutanten gefragt. Ich kam schon ins Schwitzen und wurde unruhig, aber unser www.evlka.de machte den ersten Platz. Besser als SPD, CDU und Grüne, das war doch klasse.

Auch etliche Rundfunksendungen, die ich höre, manches „Moment mal", viele Fernsehsendungen, die publizistische Präsenz, das ist doch viel besser als wir denken. Es entspricht nicht alles der Otto-Version vom Wort zum Sonntag, nein, vieles ist besser als der Ruf. Aber oft sind die kritischsten Stimmen in den eigenen Reihen. Medien offensiv nutzen zur communicatio des Evangeliums, das steht auf der Tagesordnung! Der Protestantismus heute muss sprachkompetent sein in der Mediengesellschaft. Auch dafür steht Robert Leicht.

Zweitens: Evangelisches Profil zeigen im ökumenischen Horizont

Wenn wir uns die heutige Medienlandschaft anschauen, dann gibt es bestimmte Meldungen, die immer und überall und in jeder Nachrichtensendung halbstündlich wiederholt werden. Mein Lateinlehrer sagte zwar, „repetitio est mater studiorum", aber die heutige mediale Wiederholungsform lähmt doch den Geist! Und manches andere lähmt den Geist auch, Dolly Buster und Naddel im Dschungel-Camp, das ist Verblödung.

Was wirklich Leben abbildet, etwa ein Bericht über die Situation von Zwangsprostituierten in der Bundesrepublik, über das Leben auf einem Müllberg auf den Philippinen, über die Lage im Kongo, das sind Ausnahmen. Afrika, Asien, Lateinamerika sind im Gros der Medien nahezu nicht existent. Wie der lateinamerikanische Theologe Hinkelammert sagt: Das sind für Europäer meist überflüssige Menschen auf überflüssigen Kontinenten.

Die Medien bei uns werden ununterbrochen von so spannenden Themen wie Schönheitsoperationen dominiert. Klatsch- und Tratschseiten gibt es inzwischen auch bei den seriösen unter den Zeitungen, und Gewalttaten wie etwa die Ermordung des kleinen Pascal oder das Schulmassaker von Beslan werden in grausamen Details ausgewalzt, die Bilder so oft reproduziert, dass sie die Seelen prägen. So wird Wahrnehmung punktuell gesteuert, bestimmte Ereignisse werden gepusht, aber Handlungskonsequenzen für uns werden nicht sichtbar.

Wenn ich dann ein Behindertenheim, ein Krankenhaus, eine Jugendvollzugsanstalt besucht habe oder eine Obdachlosenunterkunft, dann wird mir wieder bewusst, wie selektiv die mediale Wahrnehmung ist. Die Reichen, die Starken, die Schönen, die Erfolgreichen, vermeintliche Sensationen und Aktienkurse bestimmen die Medien. Aber das ist nur ein minimaler Ausschnitt aus der Realität unserer Gesellschaft, es ist eine Verzerrung von Realität. Von öffentlicher evangelischer Präsenz erwarte ich Information über die ganze Wirklichkeit.

In einem weiten Bogen würde ich das als „angewandte Rechtfertigungslehre" bezeichnen. Es geht um Hintergründe, um Reflexion, Zusammenhänge, Horizonterweiterung. Wie soll ich mir denn eine Meinung bilden, die Verantwortung meines Einzelgewissens gut protestantisch wahrnehmen, etwa zur Präimplantationsdiagnostik, wenn die Meldungen mich dazu nicht befähigen? Nur sechs Prozent der Bevölkerung glauben, dass sie in dieser Frage urteilsfähig sind. Das führt zu Expertokratie. Befähigung zum Diskurs, das ist gefragt, dazu muss Protestantismus etwas leisten. Horizonterweiterung in der Medienlandschaft durch evangelische Präsenz, auch dafür steht Robert Leicht ein.

Drittens: Kritik, Gestaltung und der Streit um die Wahrheit

Protestantismus will gesellschaftlich ein Faktor von Kritik und Gestaltung sein. Der Konsultationsprozess der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert gab dazu viele Anregungen. Es geht darum, die Vorgänge der Gesellschaft kritisch zu begleiten, eine Begleitung mit der Kraft des Unterscheidens. Was geschieht, wenn der Benzinpreis zum Politikum gemacht wird und eine Abstimmung nicht mit den Füßen, aber mit LKWs und ihren Hupen erfolgt - jenseits aller Sachdebatten? Wer reflektiert, was das für die Demokratie bedeutet? Wo wird in der Fülle der Einzelnachrichten noch die Frage nach der Gesamtentwicklung gestellt? Geht deshalb vielleicht in unserer Gesellschaft der Grundkonsens, das Gewebe verloren, das sie zusammenhält? Wo wird in den Medien die Entwicklung der Medien unabhängig und kritisch begleitet?

Die Tendenz der Medien verstärkt Gewaltdarstellung, Pornographie, Entblößung des Privaten und Intimen: Wer fragt da nach der Menschenwürde? Denken wir an die Bilder von Folter in amerikanischen Gefängnissen im Irak, die das Zerwürfnis zwischen so genannter „westlicher" und so genannter „islamischer" Welt symbolisieren. Wir können doch nicht glaubwürdig mit unserer Kultur im Namen der Freiheit für Menschenwürde und Gerechtigkeit eintreten, wenn eben diese Kultur solch tiefe Demütigungen auf irgendeine Art und Weise tolerieren oder rechtfertigen könnte.

Insbesondere die Verhüllung des Gesichtes, also jener Individualität, für die wir einstehen, und zugleich die Entblößung der Scham stehen in krassem Widerspruch zu allem, wofür unsere christliche Tradition eintritt. Ja, wir wissen, Menschen sind fehlbar. Aber jeder Versuch, in der Folge Folter auch nur ansatzweise rechtfertigen zu wollen, ist für mich ein Verrat an den Idealen westlicher Demokratien und ihrer Verfassung, die ich auch auf das christliche Menschenbild zurückführe. Folter ist absolut, ohne jede Einschränkung inakzeptabel. Einen Vergleich mit der Empörung über die Ermordung von Geiseln vor laufender Kamera halte ich schon deshalb für völlig unangemessen, weil wir dann die Armee einer westlichen Demokratie tatsächlich auf dieselbe Stufe stellen würden wie Terroristen, denen individuelle Menschenrechte völlig irrelevant erscheinen. Wir haben allen Grund. hier anderes zu erwarten. Und wenn selbst das seriöse Deutschlandradio von dem „geistlichen Führer einer Terrorgruppe" spricht, dann ist Widerspruch angesagt. Es geht um eine klare Verurteilung und um ein klares Eintreten für unsere Grundsätze.

Genau hier sehe ich eine elementar evangelische Aufgabe. Nicht Nörgelei und Besserwissertum, aber kritische Begleitung und Analyse, das erwarte ich mir von evangelischer Publizistik - und das verständlich. nicht nur für Insider und ausgewalzt auf 16 Seiten. Ich denke tatsächlich, hier ist Mut zur Kontroverse angesagt. In der fünften Grundüberzeugung der Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung in Seoul 1990 hieß es: "Wir bekräftigen, dass Wahrheit zur Grundlage einer Gemeinschaft freier Menschen gehört." Und in der Verpflichtung wurde formuliert: "Wir wollen uns darum bemühen, dass die Wahrheit und das Wort Gottes in den modernen Medien auf eine phantasievolle, prophetische, befreiende und respektvolle Weise verbreitet wird."

Ja, Wahrheit ist ein zentraler Wert evangelischer Präsenz in einer Medienwelt, die es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. In einer Nachrichtenwelt, der die meisten doch durchaus geneigt sind zu misstrauen. Die gute alte protestantische Streitkultur, der Streit um die Wahrheit, muss wiederentdeckt werden. Das Wagnis zur Kritik der „Medien-Macher" und die Ermutigung zur Gestaltung durch jene, die Medien konsumieren, darf vom Protestantismus erwartet werden. Wir brauchen kritische Protestanten, die mitten in der Medienwelt dafür einstehen wie Robert Leicht.

Viertens: Mut zur Medienpräsenz

Unsere Gesellschaft ist eine Mediengesellschaft. Das wird beklagt, bedauert, das Lamento ist unüberhörbar. Da wird mir gesagt, ich solle mich nicht auf „1'30" einlassen, das könne doch gar nicht ausgewogen sein. Ich halte das für eine Fehleinschätzung: Unsere Kirche kann sich medial präsentieren. Sie hat eine grandiose Botschaft, wir könnten begeistert sein, wie wunderbar die zu vermitteln ist. Manche Geschichte, die Jesus erzählt hat, hat auf wunderbare und elementare und äußerst kurze Weise dargestellt, was zu vermitteln ist und wie Gott sich den Menschen zuwendet. Seit 2000 Jahren werden diese Beispiele verstanden - rund um den Globus in allen Kulturen! Das können wir üben, das ist möglich auch auf „1’30". Mut zur Kürze ist wichtig. Mut auch dazu, dass nicht immer alles vollkommen ausgewogen und ausbalanciert dargestellt werden kann.

Außerdem sind Personen Nachrichten. Davor haben wir als Protestanten eine große Scheu. Bloß niemanden als Einzelnen nach vorne stellen, zaghaft sich zurückhalten und demütig in der zweiten Reihe bleiben. allenfalls ein bisschen nach vorn drängeln, aber so, dass es keiner merkt. Ich möchte einzelne Evangelische wirklich ermutigen, eine pointierte Meinung zu äußern, und das gilt gerade auch für Laien.

Der Begriff des Laien ist meines Erachtens zu Unrecht diskreditiert - alle wollen heute Experten sein. Robert Leicht steht in der Tradition der großen protestantischen Laien, die beispielsweise den Deutschen Evangelischen Kirchentag geprägt haben, dort war er ja auch mehrere Jahre Präsidiumsmitglied. Wir brauchen dringend solche Persönlichkeiten in der jüngeren Generation, die Konflikte wagen und sie austragen, anstatt in verschiedenen Lagern zu verharren. Als Evangelische haben wir doch Mut zur Vielfalt, wir müssen nicht alles unter eine Kante drücken. Die Verantwortung des Einzelgewissens steht nicht im Gegensatz zur Solidarität mit der eigenen Kirche. Ich finde es ausgesprochen langweilig, wenn ich schon weiß, was mich erwartet. Diskussionen regen das Gespräch an, setzen die Erzähltradition der „Sache mit Gott" fort.

Robert Leicht tut das allemal und auf seine Weise immer wieder. Dabei muss ich bekennen: Es ist es nicht leicht, mit Leicht zu streiten. Im vergangenen Herbst waren wir in der so genannten Kopftuchdebatte unterschiedlicher Meinung. Da ist es schwer, dagegen zu halten bei einem, der eloquent ist wie er und der energisch und durchaus mit spitzen und manchmal süffisanten Anmerkungen seine Position vertritt. Aber genau das ist er wohl, der berühmte protestantische Streit um die Wahrheit: in evangelischer Freiheit ringen, nicht Papst und nicht Kaiser untertan, wie wir es am heutigen Reformationstag gerne betonen, aber auf der Grundlage der Freiheit, die eben nicht Libertinismus bedeutet, jeder kann machen, was er will, sondern auf einer Grundlage, die Bindung hat. Eine Bindung, die sich schön ausdrückt in dem Wochenspruch für die kommende Woche, die mit dem heutigen Reformationstag beginnt. „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christ." (1 Kor 3,11)

Auf diesem Grund, lieber Robert Leicht, wünsche ich mir weiterhin energische Wortmeldungen in unserer Zeit, und ich bin gern bereit zu weiterem Streit auf gemeinsamer Basis. Das ist keine Drohung, sondern eine Zusage.

Vielen Dank.

 

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Der Preisträger
Der Festakt

 

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