Der Festakt: Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises 2002
Ernst Otto Stüber - Oberbürgermeister
der Stadt Bochum
Fred Sobiech - Superintendent des Evang. Kirchenkreises Bochum
Ernst Otto Stüber - Oberbürgermeister der Stadt Bochum
Herr
Ministerpräsident, Herr Bundesminister,
Herr Präses Kock, Herr Kardinal Lehmann,
sehr geehrte Damen und Herren,
der Herbst ist eine gute Zeit, nach Bochum zu kommen. Am letzten Freitag erhielt der Jenaer Historiker Prof. Lutz Niethammer den erstmals von der Stadt Bochum, der Ruhr-Universität, der Stiftung der Sparkasse und der Stiftung "Bibliothek des Ruhrgebiets“ gemeinsam vergebenen Historiker-Preis für seine wissenschaftliche Erforschung des Ruhrgebiets. Die Verbundenheit von Prof. Niethammer mit dieser Region ist ein Gemeinsamkeit, die er mit Hans Ehrenberg teilt und die auch Präses Kock und Kardinal Lehmann zu eigen ist. Auch sie haben für die Probleme der arbeitenden Menschen und für die Menschen des Ruhrgebiets ein offenes Ohr und sind somit Hans Ehrenberg verbunden.
Peter Weiss ist der Namensgeber des Kulturpreises unserer Stadt, der Anfang
Oktober verliehen wurde. In diesem Jahr ging er an den Dokumentarfilmer Harun
Farocki. Mit der Stiftung dieser Auszeichnung ehrt unsere Stadt Künstler,
die ihre Arbeit im Sinne eines humanistischen Engagements gestalten und
eine geistig-politische Auseinandersetzung suchen mit der Gesellschaft, in der
wir leben. Hier sehe ich wiederum eine Gemeinsamkeit sowohl mit Hans Ehrenberg
wie den heutigen Preisträgern, Präses Kock und Kardinal Lehmann. Ihr
gesellschaftspolitisches Wirken hätte sicherlich Ehrenbergs Beifall gefunden,
steht es doch für eine Grundhaltung, die für sein Leben kennzeichnend
war. Nicht nur während der Nazi-Zeit war er den Mächtigen ein Dorn
im Auge. Mit seinem gelebten Christentum, das die Solidarität im Sinne
der Bergpredigt in den Mittelpunkt stellte, eckte er lange vor 1933 immer wieder
bei den Vertretern der rechten und nationalen Szene wie denen des ultrakonservativen
Bürgertums an.
Seit ihn seine Wege erstmals ins Ruhrgebiet geführt haben, war Hans Ehrenberg intensiv an sozialen Fragen interessiert. Er konnte und wollte seine Augen nicht vor den damaligen sozialen Zuständen verschließen. Und so war es für ihn als Wissenschaftler selbstverständlich, "vor Ort zu gehen“, wie man hier im Revier sagt. Er wollte sich nicht auf die universitäre Theologie beschränken, sondern suchte seinen Platz bei den Menschen.
Seine Wirkungsstätte fand er in unserer Altstadt-Gemeinde mit ihrer Paulus- und Christuskirche. Sehr bald standen sein Name und seine Person für Grundsätze, die von Humanität und Toleranz geprägt waren. Niemals verleugnete er seinen jüdischen Hintergrund, und vielleicht befähigte ihn gerade dies, als einer von wenigen öffentlich und mit Nachdruck für die Ökumene einzutreten. Allein deshalb hätte die Entscheidung, die höchsten Repräsentanten der beiden großen Kirchen in Deutschland heute gemeinsam auszuzeichnen, sicherlich seine Zustimmung gefunden.
Meine Damen und Herren, auch wenn Hans Ehrenberg dem Druck lange Zeit Stand halten konnte, musste er sich letztlich dem Nazi-Terror beugen und, nachdem er das KZ Sachsenhausen überlebt hatte, in die Emigration gehen. Von dort kämpfte er weiterhin gegen den Unheilsstaat, der sich in unserem Lande etabliert hatte und der soviel Leid und Elend über die Welt und über uns gebracht hat. Diese Kirche, in der er gewirkt hat, wurde in dem Krieg zerstört, den die Nazis ausgelöst haben. Heute ist sie ein Denkmal gegen Gewalt, und was sie sichtbar verkörpert, hat uns Hans Ehrenberg ideell verdeutlicht. Dies ist sein Erbe, dem wir uns verpflichtet wissen: gemeinsam aufzustehen gegen die Ewig-Gestrigen, den geistigen Nachfahren der braunen Machthaber ein entschiedenes „Nein“ entgegen zu halten.
Ich freue mich, dass der vom Evangelischen Kirchenkreis Bochum und dem Verlag Hartmut Spenner ausgelobte Preis, der den Namen dieses großen Vorbilds für Toleranz und Menschlichkeit, für engagiertes Handeln, Gegenwehr und soziales Handeln auf demokratischer Grundlage trägt, heute an Präses Kock und Kardinal Lehmann verliehen wird. Ich gratuliere den Preisträgern herzlich zu dieser Würdigung ihres Wirkens und wünsche ihnen für ihre weitere Arbeit Gottes Segen.
Fred Sobiech - Superintendent des Evang. Kirchenkreises Bochum
In
einem persönlichen Brief an eine befreundete westfälische Familie
schreibt Hans Ehrenberg im 12. Juli 1945 aus dem Londoner Exil:
"Wir sind hier ja von allem nun Jahre lang abgeschnitten gewesen; alles Gute, Freundschaft usw., was man hier empfing, konnte nicht ersetzen, was man nicht mehr besaß. Doch habe ich mich durch mehrere Jahre lang innerlich gegen die Heimat - ohne jede Bitterkeit! - abgeschlossen; erst im letzten Jahr wurde alles wieder ganz lebendig. Aber an die Nächsten habe ich doch immer gedacht. Euch aber hat nun alle das schwerste aller Lose getroffen. Wir sind bereit, es mit euch zu teilen; ja wir sehnen uns danach. Lieber Entbehrungen und zu Hause als umgekehrt. Wir haben doch beide viel Kraft in Deutschland zurückgelassen, aber für Deutschland haben wir auch noch eine kleine Kraft erhalten, und Gott wird die Tür offen halten. Das ist meine Zuversicht und Hoffnung."
Verehrte Gäste, die hier sichtbar werdende Menschlichkeit, die Gründung im Glauben, die hoffnungsvolle Wirklichkeitsbezogenheit zeichnet auch die heutigen Preisträger aus. Der Text der Urkunde fasst es in folgende Worte:
"Mit dem Hans-Ehrenberg-Preis 2002 ausgezeichnet werden Präses Manfred Kock und Karl Kardinal Lehmann für ihre Verdienste um das ökumenische Gespräch, mit dem sie das Evangelium in der Gesellschaft vernehmbar machen und für weltweite Gerechtigkeit eintreten."
Herzlichen Glückwunsch und Gottes Segen.
Respons (Karl Kardinal
Lehmann - Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz)
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