Der Festakt: Respons
Karl Kardinal Lehmann - Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
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1936 in Sigmaringen geboren; Studium der Philosophie und katholischen Theologie, Doktortitel 1962 und 1967; 1963 in Rom zum Priester geweiht. 1964 bis 1967 Assistent von Karl Rahner an den Universitäten München und Münster; 1968 Berufung auf den Lehrstuhl für katholische Dogmatik und Theologische Propädeutik in Mainz; 1971 Professur für Dogmatik und Ökumenische Theologie in Freiburg. 1983 zum Bischof von Mainz gewählt und ernannt; 1987 zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt und zuletzt 1999 in diesem Amt bestätigt; seit 1993 Erster Vizepräsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenz; am 28. Januar 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt. Mitglied im Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen seit 1969, seit 1989 als Vorsitzender von katholischer Seite. |
Zunächst möchte ich dem Kirchenkreis Bochum, der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft und dem Verleger Hartmut Spenner sehr herzlich danken für die Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises. Ich finde, dass es eine besonders symbolträchtige und zukunftsweisende Idee war, diesen Preis zugleich an den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zu verleihen. Zugleich bedanke ich mich sehr herzlich bei Herrn Staatsminister Dr. Otto Graf Lambsdorff für seine Laudatio. Ich hoffe, dass diese zweifach-eine Verleihung des Preises wenigstens einen kleinen weiteren Schub für die ökumenische Annäherung bedeutet.
Ein solcher Preis bekommt seinen Sinn aber ganz von dem her, nach dem die Auszeichnung genannt wird, Hans Ehrenberg. Herr Präses Kock wird in seinem Dankeswort stärker auf seine heutige Bedeutung zurückkommen, wir teilen uns, wie öfter, die Gedanken. Ich möchte gerne auf seine Bedeutung für heute verweisen, in dem ich an sein gesamtes Lebenswerk - gewiss nur stichwortartig - verweise. Es ist viel zu wenig bekannt. Gelehrte jüdischer Herkunft, besonders wenn sie im Exil waren, haben es immer noch schwer bei uns.
Der Lebenslauf und das Schicksal von Hans Ehrenberg stellen insgesamt ein Prisma dar, in dem sich der Weg unseres Landes in den letzen 100 Jahren eindrucksvoll spiegelt. Dabei ist es nicht erstaunlich, dass dieses Spektrum viele Spannungen enthält, mit deren Aufarbeitung wir heute und in Zukunft beschäftigt sind. Ein großer Mann von diesem Format kommt von weit her und weist auch weit in die Zukunft hinein.
Hans Philipp Ehrenberg entstammte einer liberal aufgeklärten jüdischen Familie. Er war ein Vetter nicht nur von Rudolf Ehrenberg, sondern vor allem von Franz Rosenzweig, der ihn immer wieder als seinen wahren philosophischen Lehrmeister bezeichnet hat. Aus dem längeren Studium der Rechtswissenschaften, der Nationalökonomie und der Philosophie ging ein namhafter Philosoph hervor, der bis heute in seiner anregenden Bedeutung unterschätzt wird. Er wurde schon sehr früh zum maßgebenden Inspirator für Franz Rosenzweig. Das Wort vom "Neuen Denken“, das Franz Rosenzweigs Bedeutung kennzeichnet, stammt von Hans Ehrenberg. Er hat ähnlich wie der junge Søren Kierkegaard den Rang von Schellings Spätphilosophie erkannt und in einer tiefgreifenden Kritik des Idealismus zu einem neuen Stil des Denkens geführt. Er begleitete Franz Rosenzweig bei der Ausarbeitung des epochalen Buches "Stern der Erlösung“, wie er umgekehrt von Rosenzweig viele Anregungen bekam. Deshalb ist Hans Ehrenberg von großer Bedeutung für die Entstehung und Ausbildung der dialogischen Philosophie, die für die Theologie des 20. Jahrhunderts eine riesige Chance und bleibende Hilfe darstellt.
Im Jahr 1909 konvertierte Ehrenberg zum evangelischen Christentum. Er nahm schließlich, ab 1910 Privatdozent und ab 1918 Professor für Philosophie in Heidelberg, das intensive Gespräch auf mit Franz Rosenzweig, ob dieser nicht auch seinen Platz im Christentum finden könne. Franz Rosenzweig bekannte sich nach langem Ringen schließlich zu seinem Judesein und lehnte eine akademische Karriere ab, um sich ganz der praktischen Aufgabe der Erneuerung jüdischen Lebens widmen zu können. Hans Ehrenberg gab seinerseits seine Philosophieprofessur auf und wurde 1925 Pfarrer in Bochum. Auch wenn beide gegensätzliche Lebensentscheidungen fällten, waren sie doch wiederum in ihrer Entschiedenheit durchaus ähnlich, wie ihr sehr umfangreicher Briefwechsel zeigt. Aus ihrem Dialog kann man lernen, dass trotz sehr unterschiedlicher Positionen die jeweilige Anerkennung des anderen im Vordergrund steht und stehen muss - ein wichtigen Prinzip bei allen Dialog-Versuchen bis zum heutigen Tag.
Ehrenberg kam schon früh in Konflikt mit dem Nationalsozialismus. Dies war als "Nichtarier“ fast selbstverständlich. Seit 1927 hat er den Kampf gegen die Antisemiten verschiedenster Ausrichtung geführt. In seinen "72 Leitsätzen zur judenchristlichen Frage“ von 1933 lehnte er den Arier-Paragraphen sowie die von den Deutschen Christen geplante Einrichtung judenchristlicher Gemeinden ab. Er zählte zu den führenden Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche und kam in Kontakt mit Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth. 1933 verlor er das Lehramt, ab 1937 konnte er sich nicht mehr im Pfarramt halten. Nach zwölf Jahren verabschiedete er sich von seinem Pfarrbezirk - drei Predigten an drei Abenden vor 6.000 Menschen. Im Anschluss an die Pogromnacht wurden Ehrenbergs Haus und Eigentum demoliert, nach viermonatiger KZ-Haft - er war zusammen mit Martin Niemöller im KZ Sachsenhausen - emigrierte Ehrenberg 1939 mit seiner Familie nach England. Der in der Ökumene bekannte und hochbedeutsame anglikanische Bischof George Bell, der damals sehr für die Rettung vieler evangelischer Pfarrer eintrat, hatte Ehrenberg aus dem KZ herausgeholt und eingeladen.
England wurde für Ehrenberg durch die Begegnung mit dem Anglikanismus wichtig. Wie er in der Frühzeit schon Interesse für die Orthodoxie zeigte, wuchs nun in dem siebenjährigen englischen Exil der ökumenische Horizont nochmals. Denkt man an die Herkunft aus dem Judentum, so ist Ehrenberg in früher Zeit ein exemplarischer Zeuge für das weltweite ökumenische Gespräch.
Hans Ehrenberg kam 1946 zurück und übernahm bis 1954 vor allem Dienste in der westfälischen Volksmission. Denn - und dies darf nicht vergessen werden - Hans Ehrenberg tendierte gerade auch im Denken über alle Theorie hinaus immer wieder zur Praxis des Lebens. Nicht zuletzt darum war er auch immer an der sozialen Erneuerung interessiert. Er widmete sich Randständigen und engagierte sich in den von ihm ins Leben gerufenen „Jedermann-Freizeiten“. Auch aus diesem Grunde war er für eine bestimmte Zeit für die SPD im Stadtrat.
Als Ehrenberg nach Deutschland zurück kehrte, erhielt er zwar die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn, wurde selbst jedoch nicht mehr an der Universität tätig. Die ökumenische Tätigkeit nahm ihn noch stärker als früher in Anspruch. In der anglikanischen Welt hatte er ein entspannteres theologisches Klima kennen gelernt. Sein theologischer Stil wandelte sich und wurde bei aller bleibenden Klarheit milder. Bald formulierte er auch seine Ökumenischen Erfahrungen. Ich glaube, dass er in dieser Zeit durch seine geistige Weite nochmals sehr gewonnen hat. So schrieb er 1947 wie in einem ökumenischen Credo den Satz: "Die Kirche, einmal ungeteilt gewesen, wird es einmal wieder sein. Das sagt mir die Verheißung Gottes.“
Es ist eine gewaltige Spannweite der Fragestellungen, Aufgaben und Anliegen, die Hans Ehrenberg in diesem intensiven Leben erfahren und auch erleiden musste. Sie halten auch uns noch in Atem. Ich möchte mit allen an dieser Arbeit Beteiligten - und ganz besonders mit Manfred Kock - mithelfen, dass wir der Weite und Tiefe seines Geistes gerecht werden. Der Preis, für den ich nochmals danke, ist dafür eine bleibende, gute Herausforderung.
Respons (Präses Manfred
Kock - Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland)
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