Der Festakt: Respons
Präses Manfred Kock - Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche
in Deutschland
| 1936 in Burgsteinfurt geboren; Studium der evangelischen Theologie in Bethel, Münster und Tübingen; 1961 bis 1962 wissenschaftlicher Assistent an der KiHo Bethel. 1962 Vikariat; Pastor in Recklinghausen-Süd; Pfarrer in der Bergarbeitergemeinde Philipp-Nicolai; 1970 Jugendpfarrer des Evang. Stadtkirchenverbandes Köln, 1972 Vorstandsmitglied; ab 1976 Gemeindepfarrer in Bickendorf. 1980 Superintendent des Kirchenkreises Köln-Nord; 1988 Kölner Stadt-Superintendent; Entwicklung der Kommunikationskampagne "Misch dich ein"; 1997 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, wenig später Vorsitzender des Rates der EKD. Seit 1962 mit der Lehrerin Gisela Kock verheiratet, drei Kinder, fünf Enkel. |
Wenn man nach Worten sucht, während in einem nachklingt, was Sie, Graf Lambsdorff, gerade gesagt haben und was Kardinal Lehmann ausgeführt hat, dann macht die Preisverleihung einen verlegen, in welcher Weise dem wirklich entsprochen werden könnte.
Aber heute gibt es doppelten Trost für mich. Erstens bin ich in dieser schwierigen Lage nicht allein, sondern habe mit Karl Kardinal Lehmann einen verlässlichen Partner und Mitstreiter. Und zweitens gefällt mir die Sache, um die es heute geht, die hinter diesem Festakt steht und die mit dem Namen Hans Ehrenbergs verbunden ist. Deshalb sage ich: Herzlichen Dank, es ist schön, für etwas geehrt und ausgezeichnet zu werden, das einem selber Herzenssache ist.
Hans Ehrenberg war in vielerlei Hinsicht ein Grenzgänger, ein Pionier, ein Brückenbauer, ein Visionär, und in einer Stunde wie dieser wird einem besonders deutlich, dass Hans Ehrenbergs Leben Judentum und Christentum verband. In seiner Herkunft und Lebensgeschichte spiegelt er die Kräfte, welche die europäische und deutsche Kultur reich gemacht haben. Zugleich aber ist gerade dieses Leben auf der Grenze der Religionen auch mit dem Teil deutscher Geschichte verbunden, der zu den dunkelsten Teilen aller Geschichte überhaupt gehört.
"Deutschland im Schmelzofen", so lautet ein Buchtitel Ehrenbergs. Ehrenberg wurde von den Nationalsozialisten überfallen, weil seine Vorfahren Juden waren, wegen nichts anderem. Sein Pfarrhaus wurde verwüstet, ihn steckte man in das KZ, in dem auch Martin Niemöller saß. All das wirkt hinein in unsere Zeit und hat mit uns selber zu tun, wie wir nicht nur im Vorfeld der Bundestagswahlen gesehen haben, sondern auch auf manchen Computerseiten sehen und in manchen Äußerungen hören, die lange schon Anonymität und Stammtisch verlassen haben. Man hat den Eindruck: Wir leben in einem Land, in dem viele das gar nicht mehr wissen, was hinter einer solchen Lebensspanne steht. Es gibt nicht nur den 11.9., es gibt auch den 9.11.
Ein Thema, das Hans Ehrenberg wichtig war, ist die Ökumene, und Ökumene ist auch ein Thema dieser Stadt. Es ist ein Thema hier im Ruhrgebiet. Hier gibt es seit über 40 Jahren die gemeinsame Sozialarbeit der Kirchen im Bergbau und bei Opel in Bochum. Hier haben die Kirchengemeinden gemeinsam die Familien begleitet, die durch die Zechenkrise in Bedrängnis kamen, haben gemeinsam aufmerksam gemacht auf das Schicksal der Menschen in den sozialen Umbrüchen. Hier hilft man sich gegenseitig selbstverständlich und bietet sich gegenseitig Kirchen zur Gastnutzung an.
Ich sage das alles, weil es vieles von dem spiegelt, was uns gemeinsam bewegt, Kardinal Lehmann und mich. Hier im Ruhrgebiet wird direkt und praktisch zusammengearbeitet, und manches geht unkomplizierter als auf den Leitungsebenen der Kirchen, die stärker abzuwägen und einzubeziehen haben, was aus der Gesamtverantwortung heraus auch noch zu bedenken ist.
Deshalb bin ich froh, dass ich - bei allen Unterschieden in den Kirchenstrukturen - mit Ihnen, Herr Kardinal, stets ein "Mehr" an Gemeinsamkeit gespürt habe, dass wir so viel Vertrauen zueinander haben, dass der Schutz der Gemeinsamkeiten an Wert nicht eingebüßt hat - im Gegenteil: Vieles hat sich bewährt und ist weiter gewachsen und hat an Bedeutung gewonnen.
Denn es sind ja die gleichen Menschen, mit denen wir es zu tun haben in unseren Kirchen. Und es sind die selben Fragen und Aufgaben, denen sich unsere Kirchen stellen. Und deshalb sage ich allen Zeitungsmeldungen zum Trotz: Die Ökumene ist nicht auf dem Weg in eine neue Eiszeit. Wer das pauschal behauptet, ist nicht auf der Höhe der Zeit. Die Christen im Land sind mündiger als so mancher Bischof oder Präses meint. Aber auch Bischöfe und Präsides sind in vielen Dingen weiter, als die Menschen vor Ort es vermuten. Die Zukunft, jedenfalls in unserem Land, wird ökumenisch sein!
Im Lichte des Denkens von Hans Ehrenberg müssen wir aber das, was wir Ökumene nennen, noch weiter fassen. Hans Ehrenberg war einer der Pioniere des interreligiösen Dialogs. Er hat seinen Standort besonders vor dem Hintergrund des Denkens von Franz Rosenzweig und Martin Buber formuliert. Das war lange bevor die Kirchen den jüdisch-christlichen Dialog für sich entdeckt haben. Für unsere Kirchen - Graf Lambsdorff hat auf diese dunkle Seite hingewiesen - ist das erst nach den Schrecken des zweiten Krieges geschehen.
Heute haben wir die Aufgabe, einen Standpunkt für das Gespräch mit dem Islam zu formulieren. Auf diesen Diskurs sucht die Kirche sich einzustellen. Es gibt hoffnungsvolle Ansätze, aber noch viel aus der Welt der Vorurteile und des Unwissens liegt vor uns. Sind wir wirklich weiter als Lessing? Und hat Lessing die drei Religionen richtig eingeschätzt?
Das Bild des Islam jedenfalls ist komplex, die Gesprächspartner sind sehr unterschiedlich, mit vielen findet ein Gespräch noch nicht statt. Die Aufgabe ist schwer. Bei Hans Ehrenberg können wir lernen, wie ein solches Gespräch möglich ist. Auch darauf hat Graf Lambsdorff hingewiesen: Es geht in einer Form des toleranten Umgangs unterschiedlicher Überzeugungen nicht darum, dass man nur den gemeinsamen Nenner sucht, sondern lernt, mit den Unterschieden und auch den Gegensätzen zu leben. Es geht darum zu akzeptieren, dass andere anders sind als man selber, um dann die Frage zu stellen, unter welcher Voraussetzung ein Zusammenleben mit unterschiedlichen Voraussetzungen möglich werden kann. Dafür bietet unsere Grundordnung, auch die europäische, eine wichtige Tradition, auf der wir beharren müssen.
Lassen Sie mich noch eine Anmerkung machen, die mit dem heutigen Tag zu tun hat, dem Buß- und Bettag. Das ist der Tag, dessen gesetzlicher Schutz für die Pflegeversicherung hergegeben worden ist. In einem Jahr, in dem den Kirchen mit immer gleichen Falschmeldungen ein ungeheurer Reichtum angedichtet wird, ist es mir wichtig, daran zu erinnern: Die Kirchen stehen in der Mitte dieser Gesellschaft. Sie zielen nicht und schielen nicht auf finanzielle Gewinne, sondern ihnen geht es um das Wohl der Menschen.
Dafür ist das gemeinsame Sozialwort der Kirchen ein Beispiel. Ich selber habe es sozusagen mit Amtsantritt vorgefunden, und wir hatten die große Chance, das, was es angestoßen hat, in die Diskussion hinein zu tragen. Ich denke, wir leben jetzt in einem Augenblick, in dem das Sozialwort weiter zu entwickeln ist. Es ist nicht eine Art Gesetzeskorpus, den man an alle gegenwärtigen Probleme anlegen könnte. Aber es ist eine Basis, von der her wir auf neue Fragen aus sein müssen.
Fraglos allerdings ist für die Kirchen, dass das Wohl der Menschen und ihr in der Bibel verheißenes Heil zusammen gehören. Und der Buß- und Bettag ist ein Tag der geistlichen und geistigen Selbstbesinnung in einer Zeit der vielfach verklärten und verherrlichten Selbstbestimmung. Wer nicht mehr zur Selbstbesinnung fähig ist, ist im Begriff, seine Würde zu verlieren.
Ich danke den Verantwortlichen herzlich für das in der Preisverleihung ausgedrückte Vertrauen. Ich danke Ihnen, Graf Lambsdorff, für Ihre Worte, in denen ich viele Zeichen der Verbundenheit wahrgenommen habe. Ich freue mich auf den gemeinsamen Weg, den wir, Kardinal Lehmann, noch gehen können, und Ihnen allen danke ich herzlich, dass Sie dieser Feierstunde beigewohnt haben.
Grusswort (Gerhard
Schröder - Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland)
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