Der Festakt: Meditation zum Buß- und Bettag
Manfred Sorg - Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen
An den tragenden Säulen mittelalterlicher Kirchen können wir hoch oben, wo das Gewölbe gehalten wird, oft ein in Stein geschnittenes Zeichen entdecken: zwei Halbkreise, die sich von unten und oben gegeneinander schieben und an einer Stelle berühren. Der Halbkreis, der sich von unten her nach oben wölbt, steht für die Erde, der andere Halbkreis, der sich von oben herabsenkt, symbolisiert den Himmel.
Erde und Himmel, die Sphären des Lebens. Aus Erde sind wir Menschen genommen und zur Erde müssen wir zurück. Unser Leben bleibt der Erde verhaftet, und fällt zurück in das, was uns unten hält und zieht. Wir mögen himmelwärts stürmen mit unseren technischen Möglichkeiten, mit unseren Träumen von ewiger Jugend und Gesundheit, mit unseren Visionen von Frieden und Gerechtigkeit. Aber immer wieder werden wir zurückgeholt auf die Erde, den Boden der Tatsachen. Wir sehnen uns himmelwärts, wo die Zeit stillsteht und uns Glück und Segen umgeben wie die freie Luft. Aber wie oft wir auch himmelwärts stürmen, wir landen doch immer wieder in unserem alten erdverhafteten Leben.
Erde und Himmel. Zwei Halbkreise, die sich von unten und oben gegeneinander schieben und an einer Stelle berühren. Es ist das Zeichen der mittelalterlichen Baumeister für Jesus Christus. Das Kommen Jesu Christi ist die Verbindung von Himmel und Erde. Gott bleibt kein fernes, abgeschlossenes Geheimnis, sondern kommt herab, berührt unsere Welt, unser Leben.
Wir werden nie mehr auf der Erde sein ohne diese Berührung des Himmels, ohne Gott. "Ich bin doch da“, sagt Gott, wenn wir uns freuen und wenn wir traurig sind, wenn ein Kind geboren wird und wenn wir sterben. Gottes Himmel verdeckt unsere Erde nicht. Gottes Himmel überschattet nicht die Ungerechtigkeit und Schuld, aus Erdenkindern werden keine Himmelstürmer.
Aber dass einer unser Leben, unsere Last und unsere Freude teilt, verändert uns. Der große und unbegreifliche Gott begibt sich in die Gemeinschaft von uns Menschen - er gibt sich in unsere Hand. Das verändert die Welt, das sollte unser Leben verändern. Wer wollte sein Leben hier auf dieser Erde noch so weiterleben, als wären wir unberührt von Gottes Himmel?
Aber damit Gott wirklich für alle Gott werden kann, braucht er Menschen, die nicht leben, als wären sie unberührt von Gottes Himmel. Gott braucht Menschen, die sein Mitsein weitergeben, die Gottes Bewegung vom Himmel herab auf die Erde nachzeichnen, und die mit ihrem ganzen Leben dafür unterschreiben, dass das wahr ist: Gott mit uns. Auch bei uns geht es um das Einfachste, das Elementare zuerst: um Mitmenschlichkeit und Solidarität. Gerade das brauchen wir heute, eine neue Entdeckung der elementaren Mitmenschlichkeit. Wir müssen das immer wieder neu lernen: inne zu halten und mit dem anderen zu sein. Mit ihm, mit ihr auszuhalten.
Ich denke heute mit tiefem Respekt an die Verfasser des gemeinsamen Wortes "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“. Die Analysen, die theologisch-ethischen Positionen und die Perspektiven sind der Berührung von Himmel und Erde verpflichtet - den zwei Halbkreisen, die sich an einer Stelle berühren. Die mittelalterlichen Baumeister haben dieses Zeichen dort angebracht, wo die Last und der Druck der Bogen und Pfeiler besonders groß waren. Das ist ihr Glaube: dass Jesus Christus da mit uns ist und bleibt, wo es gilt, die schweren Lasten zu stützen und zu tragen.
Gebe Gott, dass wir den Glauben an seinen Immanuel dahin tragen, wo heute die Last schwer ist für Menschen, dass sie den finden, der sie mit ihnen trägt.
Begrüßung (Fred
Sobiech - Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Bochum)
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