Der Festakt: Laudatio
Dr. Otto Graf Lambsdorff - Bundesminister a.D.
|
1926 in Aachen geboren; 1944 - 1946 Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft; 1946 Abitur in Unna; 1952 Promotion zum Dr. jur.; seit 1960 Rechtsanwalt; zwischen 1955 und 1977 Tätigkeiten im Bank- und Versicherungsgewerbe; Aufsichtsratsmitglied in mehreren in- und ausländischen Gesellschaften. Mitglied des Bundestages von 1972 bis 1998, bis 1996 als wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, von 1977 bis 1984 als Bundesminister für Wirtschaft: Mitglied der FDP seit 1951; Mitarbeit in der FDP-Programmkommission zur Vorbereitung der Freiburger Thesen 1971; 1972 Bundesvorstand, 1988 bis 1993 Bundesvorsitzender, seit 1993 Ehrenvorsitzender; 1991 bis 1994 Präsident der Liberalen Internationale, seit 1996 Ehrenvorsitzender; seit 1995 Vorstandvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung. Langjähriges Mitglied in der Kammer der EKD für öffentliche Verantwortung; zwischen 1999 und 2002 Beauftragter des Bundeskanzler für die Stiftungsinitiative deutscher Unternehmen in den Verhandlungen um die Entschädigungen für Zwangsarbeiter. Verheiratet, drei Kinder. |
Herr Superintendent, Herr Ministerpräsident, hohe Festversammlung,
meine sehr verehrten Damen, meine Herren,
Sie, Herr Superintendent, haben mich gebeten, die Laudatio auf die diesjährigen Preisträger des Hans-Ehrenberg-Preises zu halten, und ich beginne mit einer herzlichen Gratulation an den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Kock, und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Prof. Karl Kardinal Lehmann. Herzlichen Glückwunsch, das ist ein schöner, das ist ein wichtiger Preis.
Der Evangelische Kirchenkreis Bochum hat mir eine ehrenvolle, aber auch ziemlich schwierige Aufgabe gestellt. Ich habe mich gefragt und frage mich heute noch – warum gerade ich? Ich bin zwar Mitglied der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, aber Theologe bin ich deswegen noch lange nicht, ich bin ein hoffentlich ganz normales Mitglied der christlichen Gemeinde.
Sie haben mir zwei Stichworte mit hierher gegeben. Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft für die Entschädigung der ausländischen Sklaven- und Zwangsarbeiter im II. Weltkrieg und das Gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland von 1997. Für beide Stichworte lässt sich schnell ein Zusammenhang zum Namensgeber des heutigen Preises herstellen: Der Christ Hans Ehrenberg war Jude, und seine Theologie wie sein pfarramtliches Wirken widmete er immer wieder den drängenden sozialen Fragen.
Meine Damen und Herren, die drei Jahre – und damit zu lange – andauernden Verhandlungen zur Zwangsarbeiter-Stiftung haben eine bemerkenswerte Entwicklung in Deutschland ausgelöst. Immer intensiver – aber natürlich auch viel zu spät – haben sich Unternehmen, Kommunen und die Einrichtungen der Katholischen und Evangelischen Kirche mit ihrer Vergangenheit in der Nazi-Zeit auseinandergesetzt. So bitter die Ergebnisse der Nachforschungen oft ausgefallen sind, so notwendig war es, sich endlich der eigenen Geschichte zu stellen.
Sie haben beide, Herr Kardinal und Herr Präses, zu dieser Arbeit beigetragen. Sie haben schmerzliche Wahrheiten nicht unterdrückt. Beide Kirchen haben einen finanziellen Beitrag geleistet, und beide Kirchen sind engagiert dabei, mit noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ins Gespräch zu kommen.
So schlimm die Teilnahme an diesem Sklavensystem war, schlimmer noch war die mörderische Verfolgung und schließliche Vernichtung der europäischen Juden. Hans Ehrenberg ist diesem Schicksal entgangen, auch er dank der helfenden Hand des Bischofs von Chichester, George Bell. Aber wo waren die Stimmen der beiden großen Kirchen? Der Vatikan schwieg, und die Leitung der Evangelischen Kirche arrangierte sich. Bis in die Bekennende Kirche hinein ging die Verzagtheit, ihr Bruderrat hat schließlich auch Hans Ehrenberg im Stich gelassen. Nur wenige hörten die Mahnung Dietrich Bonhoeffers: "Wer nicht für die Juden schreit, der darf nicht gregorianisch singen“.
Ich will nicht richten. Jeder, der das tut, muss sich erst einmal fragen, ob er selbst Kraft und Mut zum Widerstand unter solchen Gefahren gefunden hätte. Wer wäre so bewusst in die Todesgefahr zurückgegangen wie Dietrich Bonhoeffer im Herbst 1939 aus dem sicheren Hafen des Union Theological Seminary in New York? Er wusste, dass dieser Weg in den Tod führen kann, und so war es auch.
Aber es geht um etwas anderes, es geht darum, dass sich solche Ereignisse nicht wiederholen. Keiner lehne sich satt und moralisch gefestigt zurück, weil das doch nicht geschehen könne. Geschichte wiederholt sich nicht in Einzelheiten. Aber Intoleranz, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus stecken überall. Dem gilt es zu wehren, und deswegen sieht die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft den Zukunftsfonds vor, der zukünftigen Gefahren entgegen wirken soll.
Beide Kirchen haben eine wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft, die über den Kreis der Gläubigen hinausreicht. Sie beide, Herr Präses und Herr Kardinal, stellen sich dieser Verantwortung. Wer sollte nicht für Menschenrechte – christlich ausgedrückt für Nächstenliebe – eintreten, wenn nicht Sie beide.
Aber es ist auch gängige Redensart, für Toleranz mit dem anderen einzutreten. Mir ist das zu wenig. Toleranz, tolerare das heißt erdulden. Nächstenliebe heißt auf den anderen zuzugehen. Nächstenliebe heißt aktiv, heißt tätig werden. Es heißt nicht, alle Unterschiede in nebulösem Wortschwall oder Konsensreden zu verkleistern. Günter Brakelmann hat das in seinem Buch über Hans Ehrenberg trefflich formuliert: "Der Jude Franz Rosenzweig und der Christ Hans Ehrenberg hatten nach langen Konfliktjahren erkannt, was zum Frieden dient: sich die Unterschiede zuzugestehen und in versöhnter Verschiedenheit zusammenzuleben.“
Meine Damen und Herren, der zweite Ausgangspunkt, den der Evangelische Kirchenkreis Bochum in seiner Einladung erwähnt, ist das Gemeinsame Wort der Kirchen von 1997. Was ist wichtig, vielleicht auch bleibend an diesem Wort? Für den Inhalt kann ich mir das persönlich nur schwer vorstellen. Die Kammer für Öffentliche Verantwortung hat damals den Beratungsprozess veranstaltet, ich habe mich mit dem Inhalt kritisch auseinandergesetzt. Zweifellos entsprachen die Darlegungen dem konsensualen Mehrheitstrend in unserem Lande. Nur helfen Ratschläge auf dieser Basis nicht weiter, die Entwicklung seit 1997 zeigt das. Und was uns jetzt offeriert wird, hält am fehlerhaften Ansatz fest. Warten wir auf die Resultate. Nur eines möchte ich gerne aufgreifen, Herr Ministerpräsident: Keine Lasten immer weiter auf die nächste Generation zu verschieben, da kann ich Ihnen nur dreimal unterstrichen zustimmen.
Nur soviel als meine Position: Mehr und mehr staatliche Interventionen fördern nicht, sie hindern Wachstum, Dynamik und neue Arbeitsplätze, und sie schränken unsere Freiheit mehr und mehr ein. Freiheit stirbt zentimeterweise, wir merken es meist zu spät.
Ist aber die Tatsache vom bleibenden Wert, dass sich beide Kirchen zu einem gemeinsamen Wort zusammengefunden haben? Wahrscheinlich hätte Hans Ehrenberg diese Frage bejaht, mit Recht. Aber die Schärfe seines Verstandes hätte ihn auch zu dem Ergebnis geführt, dass es letztendlich auf den Inhalt eines solchen Wortes ankommt. Aber auch da vermute ich, dass Hans Ehrenberg dem Inhalt näher stünde als ich.
Meine Damen und Herren, die Beziehungen zwischen Christentum und Islam stehen
heute im Zentrum politischer und religiöser Diskussion, und damit stehen
auch Sie, Herr Kardinal und Sie, Herr Präses, in diesem Zentrum. Dabei
denke ich nicht an den mörderischen, terroristischen islamischen Fundamentalismus.
Ich denke an das Aufeinandertreffen zweier Weltreligionen, das sich mehr und
mehr vertiefen, vermutlich auch verschärfen wird. Günter Brakelmann
hat formuliert, was zum Frieden führt:
"Sich die Unterschiede zugestehen und in versöhnter Verschiedenheit
zusammenleben.“ Man kann es auch so sagen: Freiheit heißt, sich
vom anderen unterscheiden zu dürfen.
Es lohnt sich daher, einmal den liberalen Urtext zum Thema religiöse Toleranz anzuschauen, nämlich John Lockes "Brief über die Toleranz“, der 1690 in England erschien. Der englische Philosoph wählte für die Begründung der religiösen Toleranz zwei Wege. Der eine war recht säkular, er stellte das Verhältnis von Bürger und Staat in den Mittelpunkt. Der Mensch gehört demnach sich selbst, und aus diesem Selbstbestimmungsrecht ergibt sich das Gebot, dass Leben, Glauben, Meinungen und äußerer Besitz, der friedlich erworben wurde, unantastbares Eigentum sind. Der Staat hat daher die primäre Aufgabe, dieses Eigentum zu schützen und damit auch den Glauben des einzelnen.
Der zweite Weg ergibt sich aus der Natur der Religion selbst. Locke schreibt: "Alles Leben und alle Macht wahrer Religion besteht in der inneren und vollkommenen Gewissheit des Urteils, und kein Glaube ist Glaube ohne Fürwahrhalten.“ Die Lehre, die sich aus dem ersten Weg ergibt ist klar: Es ist das Friedensgebot, das auch für Religionen gilt. Es ist die Forderung nach einem religiös neutralen Staat, der den Glauben der Bürger akzeptiert, solange er nicht Leben und Eigentum anderer bedroht.
Was den zweiten Weg angeht, so ergibt sich daraus die Lehre, dass Religion letztlich immer auf einem nicht-argumentierbaren und subjektiv empfundenen Überzeugungskern beruht, der Glaubensgewissheit. Kann ein Staat bestimmen, welche dieser Glaubensgewissheiten objektiv wahr ist? Das ist nicht einmal den Religionen selbst gelungen. Wo sich die Theologen nicht einigen können, soll es der Staat tun? Das wäre wohl eine Wissensanmaßung mit gefährlichen Folgen. Oder um mit Locke zu fragen: "Werde ich deswegen sicher gehen, wenn ich tue, was immer die Obrigkeit anordnet?“
Über das, was die so gedachte religiöse Toleranz bedeutet, hat es immer wieder Missverständnisse gegeben. Toleranz bedeutet nicht, dass jeder alle Religionen als gleichwertig zu betrachten hat. Jeder, der sich für eine Religion entschieden hat, wird ihr einen höheren Stellenwert einräumen als anderen. Für ihn handelt es sich schließlich – um es mit Locke zu sagen – um ein "Fürwahrhalten“. Auch andere Voraussetzungen der Toleranz, die heutzutage manchmal postuliert werden, erweisen sich bei näherem Hinsehen als brüchig. Universalität und alleinseligmachende Wahrheitsansprüche werden oft per se als intolerant deklariert. Wer das tut, will aber die Religion an sich abschaffen. Christentum und Islam sind ohne Universalität und Wahrheitsanspruch existentiell nicht denkbar.
Auch hat Toleranz nichts mit innerem Nachvollzug der Position anderer zu tun. Bei der Toleranz geht es um das Austragen von Unterschieden in der Überzeugung, nicht um die Abschaffung von Überzeugungen. Der Dialog zwischen den Religionen sollte mit offenem Visier ausgetragen werden. Er sollte berücksichtigen, dass es auch weiterhin Nichteinigung und Konflikt geben wird. Alles dies hat aber eine eherne Voraussetzung, nämlich den neutralen, säkularen Staat, der den Frieden zwischen den Gläubigen beider Richtungen sichert.
Dies mag manchen Religionen schwer fallen, und zwar in dem Maße, in dem sie nicht zwischen Gesellschaft und Staat zu trennen vermögen. Nur in der Gesellschaft, nicht aber im Staat findet die religiöse Auseinandersetzung oder auch der religiöse Dialog statt, auch der Dialog der Ökumene. Gewalt anwenden darf nur der Staat, aber nur zur Verhinderung von Gewalt.
Der säkulare Staat muss den vom einzelnen Bürger empfundenen Glaubensgewissheiten ein hohes Maß eigener Legitimität und vor allem ein hohes Maß an Legitimitätsempfinden der Bürger entgegensetzen. Dies kann dadurch erleichtert werden, dass sich die gewaltorientierten Religionsausrichtungen selbst delegitimieren. In Westeuropa hatten die Menschen nach den Exzessen der Glaubenskriege in der frühen Neuzeit schlichtweg genug davon. Auch in der islamischen Welt haben die gewalttätigen Islamisten dort, wo sie Macht ausübten, schneller als erwartet ihren Rückhalt bei den Menschen verloren, und zwar nicht, weil die Menschen glaubenslos geworden sind, sondern weil die Gewalt nur Leid, aber keine positive Erwartung erbrachte. Als die Taliban in Afghanistan stürzten, jubelte das Volk.
Neben der Deligitimation des Bösen bedarf es aber noch der positiven Legitimierung des Guten, der toleranten säkularen Ordnung. Der Säkularismus muss sich von seinen falschen Freunden trennen. Er muss sich deshalb bewähren und sicherstellen, dass er sein klassisches Amt als Friedenswahrer fair und neutral ausübt. Gerade angesichts der gegenwärtigen Situation, die im Zeichen des Kampfes gegen den Terror steht, ist dies wichtig. Zeiten des Kampfes und des Krieges sind Zeiten, in denen sich der Geist von Freiheit und Toleranz nur selten gut behauptet.
In der ganzen Welt haben wir im letzten Jahr eine Verschlechterung der Lage gesehen, was die bürgerlichen Freiheiten angeht. In manchen Ländern legitimiert der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus Diktaturen, deren Herrschaftsweise selbst mit dem Begriff "Terror“ gut beschrieben ist. Es wäre schön, wenn der durch diese Diskussion angeregte Dialog zwischen Christentum und Islam nicht nur die theologischen Gemeinsamkeiten und Differenzen zum Thema hätte, sondern sich vor allem auf ein gemeinsames Verständnis darüber einigen könnte, wie die gemeinsame politische Ordnung aussehen sollte, in der dieser Dialog stattfinden kann.
In einer gut verstandenen säkularen Ordnung, in der Religionen im freien Wettbewerb zueinander stehen, wird es echte Religiosität geben, nämlich eine, die nicht auf Zwang und Privileg beruht, sondern auf freier Glaubensentscheidung. Ist sie nicht der Kern, Herr Kardinal und Herr Präses, auf den sich alle einigen sollten?
Noch einmal meine herzlichen Glückwünsche zum Hans-Ehrenberg-Preis.
Die Preisverleihung (Fred Sobiech
- Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Bochum / Ernst-Otto Stüber
- Oberbürgermeister der Stadt Bochum)
[Anfang der Seite]
[Home] [Biographie] [Bibliographie]
Preis [Lectures] [Bücher] [Kontakt]
[Weblinks]
[Sitemap]
[Newsletter] [Gästebuch]
Design by Andreas Losch