Der Festakt: Grußwort
Peer Steinbrück - Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen
Sehr geehrter Herr Kardinal Lehmann,
sehr geehrter Herr Präses Kock,
und nach der Begrüßung durch den Herrn Superintendenten erlauben Sie mir, dass ich nun umfas-send sage: Meine sehr geehrten Damen und Herren.
Ich möchte meine Freude zum Ausdruck bringen, dass ich so schnell nach meiner Wahl zum Ministerpräsidenten die Möglichkeit habe, an einer Veranstaltung teilzunehmen, die beide großen Kirchen zusammenführt und darüber hinaus zwei prominente Vertreter ihrer Kirche als Preisträger ehrt.
Mir ist sehr daran gelegen, gleich zu Beginn meiner Ausführungen nach Möglichkeit keine Verlegenheit aufkommen zu lassen oder selber dazu beizutragen. Einige wissen, dass ich keiner der beiden Kirchen angehöre, sondern in sehr frühen Jahren das geworden bin, was man umschreibend als Agnostiker bezeichnet. Ich hätte es als unaufrichtig empfunden, dies bei meiner Vereidigung zu verleugnen. Die meisten hätten es gemerkt, und ich hätte darüber nicht gleich erklären können, dass ich - trotz der Tatsache, dass ich keiner der beiden Kirchen angehöre über all die Jahre einen sehr wichtigen Zugang zu den Kirchen gewonnen und vor allen Dingen auch das Zusammenwirken mit vielen Kirchenvertretern darüber nicht verloren habe.
Im Gegenteil, ich will deutlich machen und es aufrichtig aussprechen: Je mehr politische Funktionen ich wahrgenommen habe, desto intensiver habe ich in diesen politischen Funktionen, ausgelöst durch viele Begegnungen mit Kirchenvertretern, zunehmenden Respekt, ja mehr als das, Ehrfurcht davor entwickelt, welchen Stellenwert die Kirchen als Glaubens- und Sinnstifter, welchen Stellenwert sie in der Seelsorge und vor allen Dingen welchen Stellenwert sie in der sozialen Arbeit haben.
Deshalb möchte ich an den Anfang meines Grußwortes deutlich die Botschaft stellen, dass ich Ihnen frühzeitig die Offenheit und die Bereitschaft bekunden möchte, mit den großen Kirchen dieses Landes und anderen Glaubensgemeinschaften so intensiv und so vertrauensvoll zusammen zu arbeiten, wie das mein Vorgänger, Wolfgang Clement, getan hat.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie können sich vorstellen, dass man bei der Lektüre der Vita von Hans Ehrenberg sehr schnell auf den Geburtsort Hamburg-Altona stößt und dann, als Hamburger, einen gewissen Wiedererkennungswert gewinnt. Allein dabei ist es nicht geblieben, denn bei der weiteren Lektüre habe ich festgestellt, dass Hans Ehrenberg ein altsprachliches Gymnasium besucht hat, das Christianeum. Ich gestehe freimütig, dass - in einer Art fürsorglichem Ehrgeiz - meine Eltern mich auf das andere große altsprachliche Gymnasium in Hamburg geschickt haben, nämlich das Johaneum. Allerdings muss ich ebenso offen zugeben, dass ich als Ober- oder Untersekundaner kläglich an Altgriechisch gescheitert bin.
Dies ist Hans Ehrenberg offenbar nicht passiert, denn als Humanist wird er das Alt-Griechische erfolgreich absolviert haben. Ob er darüber hinaus in der Oberstufe auch noch Hebräisch gelernt hat, konnte ich dieser Vita leider nicht entnehmen.
Aber als Kind einer jüdischen Familie ist Hans Ehrenberg in Hamburg in einem dort verbreiteten bürgerlich-liberalen Klima aufgewachsen, später, nachdem er sich hat taufen lassen, hat er hier in Bochum als Pfarrer der Innenstadtgemeinde gewirkt, was Spuren hinterlassen hat. Er hat vor mehr als 65 Jahren hier in der Christuskirche seine letzte Predigt gehalten. Von dieser Kirche steht heute nur noch ihr Turm, der seine Bedeutung gewonnen hat als Denkmal gegen die Gewalt und als ein Zeichen der Erinnerung.
Mit der Vergabe des Hans-Ehrenberg-Preises werden selbstverständlich nicht nur die beiden Preisträger gewürdigt, sondern es wird auch an den Mann erinnert, der Namensgeber dieses Preises ist. Und deshalb gelten meine ersten Worte ihm.
Hans Ehrenberg ist nicht mit dem Strom geschwommen, und gerade dies hat ihn auf eine Art und Weise handeln lassen, die für uns bis auf den heutigen Tag bewundernswert ist. Sein Nicht-mit-der-Zeit-gehen-wollen, sein Widerstand sind uns Vorbild. Er hat sich eingemischt, wie man heute sagen würde. Er hat die weltliche Verantwortung so gelebt, wie er sie den Christen zugeschrieben hat. Er setzte die persönliche Courage der Gefahr in einem despotisch-terroristischem System entgegen.
Wir leben heute in einer anderen Zeit und in einem anderen Gemeinwesen. Wir sind vor andere Herausforderungen gestellt. Und dennoch bleibt das Vermächtnis von Hans Ehrenberg aktuell, nämlich Bekenntnis abzulegen für eine demokratische Ordnung unseres Gemeinwesen und für Gerechtigkeit.Der Hans-Ehrenberg-Preis wird vergeben an Menschen, die sich einmischen, die die Stimme des Evangeliums in der Gesellschaft vernehmbar machen wollen und vernehmbar gemacht haben. Ich möchte daher Ihnen, Eminenz, und Ihnen, Präses Kock, sehr herzlich zu diesem Preis gratulieren. Sie machen mit Ihrem Beispiel deutlich: Es gibt Themen, die deutlicher und öffentlicher Worte, die der Einmischung bedürfen.
1997 wurde die gemeinsame Stimme beider Kirchen in ihrem Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland für alle vernehmbar: "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit". Ich erinnere mich, dass ich damals durch meine Kontakte mit der evangelischen Landeskirche in Schleswig-Holstein an diesem Dialogprozess beteiligt war.
Fünf Jahre sind seit dieser Veröffentlichung vergangen. Und seinerzeit wirklich hochgelobt, bedauern einige heute, wie folgenlos dieses gemeinsame Wort geblieben ist, oder sie beklagen, dass es zu schnell in Vergessenheit geraten ist. Man könnte fast etwas provozierend fragen, ob der Konsens zu breit war und es daher keine Widerrede gegeben hat. Meine Wahrnehmung ist, dass eher das Spektakuläre, das Konfliktbehaftete, das Zerrissene in die Überschriften kommt und auf einen medialen Resonanzboden trifft, als das Konsensuale und das Gemeinsame.
Kam es vielleicht zu früh, dieses gemeinsame Wort? Sind die Probleme seit 1997 nicht eher noch gewachsen? Sie waren damals stark im Bewusstsein, aber das Entscheidende ist doch die Frage: Hat sich die Situation seit 1997 mit Blick auf die Probleme, die Gegenstand dieses gemeinsamen Wortes gewesen sind, nicht noch verschärft? Wenn wir an den 11. September und seine weltweiten Auswirkungen denken, sehen wir sogar noch weitere Herausforderungen, die seinerzeit, 1997, so nicht vorhersehbar gewesen sind. Die Probleme, die im Sozialwort angesprochen werden, sind nicht gelöst, wie ich als Politiker zugeben muss. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, das sind weiterhin Stichworte, wichtige Punkte auf der Agenda, die bis heute nichts an ihrer Bedeutung verloren haben.
Diese Stichworte sind von den Kirchen in einen übergreifenden, wie ich finde, bedeutsamen Zusammenhang gestellt worden. Etwa in den Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung, deren Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme wir in der Vergangenheit viel weitblickender hätten bedenken müssen. Oder auch in den Zusammenhang eines neuen Nachdenkens über den Staat - inwieweit der Staat eher Eigeninitiative und bürgerschaftliches Engagement hemmt und an der einen oder anderen Stelle sogar erstickt hat. Nicht zuletzt im Aufnehmen der drängenden grundsätzlichen Frage, was denn diese Gesellschaft auseinander treibt und, viel wichtiger, was sie zusammen hält.
Ich betone, das sind Fragen, die wir gemeinsam stellen und die wir auch gemeinsam beantworten wollen. Und wenn Sie so wollen, komme ich zu diesen Fragen aus einer sehr aktuellen Debatte im nordrhein-westfälischen Landtag, wo ich heute morgen in meiner Regierungserklärung versucht habe, auch einige über den Tag hinaus weisende Bemerkungen zu machen.
In Nordrhein-Westfalen gibt es eine lange und gute Tradition der Zusammenarbeit zwischen der Landesregierung und den Kirchen, die ich gerne fortsetzen möchte. Herr Präses Kock, Herr Präses Sorg, Herr Weihbischof Grave, wenn ich Sie direkt anspreche, dann deshalb, da Sie mit uns längst im Gespräch sind. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Bündnis für Arbeit, an das Bündnis für Toleranz und auch an das Bündnis für Erziehung. Dies gilt es fortzusetzen, und dies möchte ich gerne tun.
"Mutiges und weitsichtiges Handeln ist heute besonders gefragt." So heißt es im Vorwort des Sozialworts der Kirchen. Weitsichtiges Handeln heißt für mich: nicht jetzt auf Kosten nachfolgender Generationen zu wirtschaften, nicht unseren Kindern eine Erblast zu hinterlassen, die ihnen jede politische Gestaltungsmöglichkeit nimmt. Diese Bemerkung führt in die sehr konkrete Frage über die Entwicklung der Staatsverschuldung in Deutschland.
Mutiges Handeln heißt, klare verständliche Worte zu wählen, den Blick schonungslos - man kann auch sagen: aufrichtig und wahrhaftig - auf Probleme zu lenken und nichts unter den Tisch zu kehren. Mutiges Handeln heißt aber vor allem auch, Konflikte und harte Auseinandersetzungen in Kauf zu nehmen, auch als Politiker Courage zu zeigen, wenn die Sympathiewerte mal nicht so nach oben zeigen. Mutiges Handeln heißt in der Tat, solche Auseinandersetzungen einzugehen, und ich erinnere in diesem Zusammenhang an einen Aufklärer, Georg Christoph Lichtenberg, der in einem Aphorismus beschrieben hat: "Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemanden den Bart zu sengen."
Diese Erfahrung macht jeder, der mit unbequemen Wahrheiten und engagierten Positionen zu tun hat. Ich kann Sie, Eminenz, und Sie, Präses Kock, nur auffordern: Tragen Sie diese Fackel weiter. Vielen Dank.
Laudatio (Dr. Otto Graf Lambsdorff
- Bundesminister a.D.)
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