Hans-Ehrenberg-Preis 2000

Rede des Bochumer Oberbürgermeisters Ernst-Otto Stüber
anlässlich der Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises

 

Geboren 1940; Ausbildung als Journalist und zwischen 1965 und 1970 Lokalredakteur der WESTFÄLISCHEN RUNDSCHAU in verschiedenen Revierstädten; ab 1970 Gewerkschaftsredakteur der IG Bergbau und Energie; bis 1980 Bezirksvorsteher Bochum-Ost.

1985 bis 1994 Abgeordneter des nordrhein-westfälischen Landtags; seit 1994 erster hauptamtlicher Oberbürgermeister der Stadt Bochum; verheiratet, drei Kinder.

Die Bedeutung des "Judenchristen" und Bekenntnispfarrers Hans Ehrenberg für Bochum ist kaum zu überschätzen. In schwerer Zeit wirkte er in der Bochumer Altstadtgemeinde, war hochgeachtet und geehrt nicht nur bei den eigenen Gemeindemitgliedern, sondern weit darüber hinaus in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kreisen in ganz Bochum. Von Anfang an aber wurde er gleichwohl auch angefeindet. Die schon lange vor 1933 massiv auftretende rechtsnationale Szene in Bochum und den Nachbarstädten hatte ihn, den "linken" Pfarrer und geborenen Juden, als Zielscheibe für ihre wütenden Angriffe auserkoren.

Studien zu seiner ersten Dissertation haben ihn zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals ins Ruhrgebiet geführt. Dieser erste Kontakt mit einer der dichtesten Industrieregionen der Welt hat bei Hans Ehrenberg ein tiefes Interesse an sozialen Fragen hervorgerufen, das ihn Zeit seines Lebens begleiten sollte. Wie wichtig diese Region später einmal für ihn werden sollte, wird er zu jener Zeit noch nicht geahnt haben. Doch nach einem weiteren Studium, Promotion und Habilitation im Fach Philosophie mit anschließender Tätigkeit als Hochschullehrer entschloss er sich noch evangelische Theologie zu studieren, nach dem er 1909 zum Christentum übergetreten war.

Sich nicht wie bisher auf die intelektuelle Seite seiner neuen Profession zu konzentrieren, war nun sein Ziel, sondern er sah seinen Platz vielmehr unter den Menschen. Er entschied sich Pfarrer zu werden und zwar Pfarrer in einer Industriestadt. So führte ihn sein Weg 1924 nach Bochum, wo er zunächst als Hilfsprediger begann und im September 1925 eine Dauerstelle übernehmen konnte. Ehrenberg wurde Pfarrer - wie erwähnt - in der Kirchengemeinde Bochum-Altstadt. Sein Anspruch an das Pfarramt war es, allen, Amtsbrüdern und Laien, Gebildeten und Ungebildeten, Männern und Frauen, Alt und Jung, ein erfahrener und geduldiger Helfer zu sein. Seine vielfältigen Kenntnisse und Erfahrungen aus den früheren Tätigkeiten betrachtete er dabei als "Mitgift", die er ins Pfarramt einbringen wollte. Er suchte nach einer harmonischen Verbindung von Kirche, Arbeit und Wissenschaft.

Während sich Hans Ehrenberg auf der einen Seite mit Geduld und Hingabe seinem Pfarramt widmete mit allen dazugehörigen Tätigkeiten eines ganz "normalen" Gemeindepfarrers, blieb er auf der anderen der Wissenschaft eng verbunden. Seine Publikationsliste nahm beachtliche Ausmaße an. Neben Büchern und Manuskripten hinterließ Ehrenberg mehrere hundert Aufsätze. Die Themenpalette ist nahezu unbeschränkt.

Ehrenberg jedoch publizierte nicht nur, er war auch ein glänzender Redner. Seine Vorträge stießen in der ganzen Stadt auf Resonanz. Über viele Jahre hindurch gehörte er zu den bekanntesten Bochumer Rednern und Publizisten. Sein gesamtes Wirken war dabei geprägt von Humanität und Toleranz, von einem tiefen Interesse an sozialen und sozialpolitischen Fragestellungen. Ehrenberg war ein Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Judentum und Christentum. Als solcher wollte er vermitteln, wollte Brücken bauen. So verwundert es nicht, dass er sich sehr intensiv mit weltanschaulichen Fragen befasste und im kirchlichen Bereich schon bald öffentlich das Anliegen der Ökumene vertrat.

Nach 1933 gehörte er zu den engagiertesten Vertretern des kirchlichen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Und Bochum war unter der theologischen Leitung Hans Ehrenbergs eine der frühesten Wiegen der "Bekennenden Kirche". Von Anfang an mit antisemitischen Äußerungen konfrontiert, gegen die er sich in Wort und Schrift zu wehren versuchte, konnte Hans Ehrenberg sich bis 1937 im Amt halten. Danach musste er dem immer stärkeren Druck weichen. Die Kirchenleitung legte ihm nahe, die Versetzung in den Ruhestand zu beantragen, und am 1. Juli 1937 verließ Hans Ehrenberg "auf eigenen Wunsch" den Dienst. Während der Reichspogromnacht wurde seine Wohnung demoliert. Er selbst wurde kurz darauf verhaftet und ins KZ Sachsenhausen deportiert.

Meine Damen und Herren, wie viele andere vom nationalsozialistischen Unrechtsstaat Verfolgte erfuhr Hans Ehrenberg die Solidarität von leider viel zu wenigen. Darunter seine Gemeinde und besonders ein Amtsbruder, Albert Schmidt, der sein engagiertes Eintreten für Hans Ehrenberg mit eigener Verfolgung teuer bezahlen musste. Auf der anderen Seite aber schlug ihm Hass sowie Ablehnung entgegen und, was für Ehrenberg wahrscheinlich noch schlimmer war: die Gleichgültigkeit und das Schweigen der großen Masse.

Und hierin sehe ich eine für uns zur Zeit mehr als aktuellen Auftrag, den uns Hans Ehrenberg hinterlassen hat: Aufstehen gegen Rassismus und der damit verbundenen Gewalt: zwei Gespenster in Deutschland, von denen wir lange dachten, sie gehörten der Vergangenheit an. Jedoch müssen wir in den letzten Jahren verstärkt erleben, dass beides wieder hoffähig wird, ohne das es zum "Aufstand der Anständigen" gekommen ist, wie ihn Bundeskanzler Schröder unlängst anmahnte. Sicherlich sind die Bedingungen in Deutschland heute nicht mit denen der Weimarer Republik, besonders zu ihrem Ende, zu vergleichen. Und ich bin auch davon überzeugt, dass die Demokratie heute weitaus tiefer im Bewusstsein der Menschen verankert ist, als es damals der Fall war. Gleichwohl sind wir alle im Sinne eines Hans Ehrenbergs und zum Erhalt dieser Republik gefordert, aufzustehen und gegen den sich ausbreitenden brauen Sumpf anzugehen. Denn um einen Satz aus der Einladung des Kuratoriums Christuskirche zu einem Benefizkonzert unserer Symphoniker zu zitieren: "Die beste Bürgschaft gegen Gewalt ist die Erinnerung an sie" und lassen Sie mich hinzufügen, an ihre Opfer wie Hans Ehrenberg.

Ich freue mich daher, dass der Kirchenkreis Bochum zusammen mit dem Verlag Hartmut Spenner, einen Preis ausgelobt hat, der den Namen dieses großen Vorbilds für Toleranz, Menschlichkeit, für engagiertes Handeln, Gegenwehr und soziales Handeln auf demokratischer Grundlage trägt. Ich gratuliere dem ersten Preisträger des Hans-Ehrenberg-Preises, Prof. Dr. Günter Brakelmann, herzlich zu dieser Würdigung seiner Forschungsarbeit in diesem Bereich und bin mir sicher, dass somit ein weiterer kleiner Schritt getan wurde, um bewusst und engagiert Widerstand gegen die zu leisten, die seinerzeit soviel Unglück über die Menschen in unserem Land und in der Welt gebracht haben.

 

Übersicht

Fritz Pleitgen: Religion ist (k)eine Privatsache - Protestantismus und politische Kultur heute. Ein Wortwechsel
Dr. H.-D. Hoffmann, Theologischer Vize-Präses der Ev. Kirche von Westfalen: Laudatio für Günter Brakelmann
Dr. Günter Brakelmann: Respons

 

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