Religion ist (k)eine Privatsache
Protestantismus und politische Kultur heute
Ein Wortwechsel
Einführendes Statement von Fritz Pleitgen
|
Zwischen 1988 und 1993 Chefredakteur Fernsehen des WDR und Leiter des Programmbereichs Politik und Zeitgeschehen; 1994 Hörfunkdirektor des WDR; seit 1995 Intendant. |
Kürzlich bat mich die Frankfurter Dom-Gemeinde um einen Beitrag für ihr Gemeindeblatt. (Als WDR-Intendant ist man eben aller Ehren wert...). Und damit nichts schief ging, war auch das Thema vorgegeben: "Kirche noch salonfähig?"
Wieso "noch"? habe ich die Leser gefragt. Sie war's doch eigentlich nie. Wo immer Kirche ihrer eigenen Botschaft ähnlich war (Sie war es - weiß Gott - nicht immer!), stand sie bei den Armen, den Schwachen, den Verfolgten und Verirrten. Und diese bevölkern nun mal nicht die Salons. Dort tummeln sich andere Eigenschaften. Dort muss man chic und smart erscheinen, sich auf glattem Parkett bewegen, einen Börsentipp im Ärmel haben und von der letzten Vernissage schwärmen. Dort begegnet man den selbsternannten "Stützen der Gesellschaft", den "local heroes" und den "global players" und zumeist auch einem beleibten Prälaten, der jovial zu plaudern versteht und als zölibatärer Akrobat die jüngsten Klerikerwitze erzählt.
Nein, habe ich vermutet, das ist zunächst einmal nicht der Ort, wo sich Kirche heimisch fühlt, denn dort verkehrte auch nicht ihr Gründer oder Verursacher, jener Wanderrabbi aus Palästina, der keine Statistik kannte, nichts von "Charts" oder "Ratings" wusste und doch mit seinen Geschichten kleine Leute befreite, ermutigte und heilte. Der ging auch an die "Hecken und Zäune". Der trieb sich auf öffentlichen Plätzen herum und sogar in öffentlichen Häusern. Und wenn er heute plötzlich vor unserer Tür stünde, vielleicht sogar zusammen mit seinen "Schmuddelkindern", mit Aussätzigen, Bettlern, Steuereintreibern und Huren, man würde die ganze "Baggage" herzlich, aber hart auf die andere Straßenseite setzen.
Aber glaubt hier jemand, die Christen hätten nichts zu sagen in unserer Gesellschaft und unserer Welt? - Wo Menschenrechte bedroht sind, haben sie doch wohl eine Meinung. Wo Asylbewerber abgeschoben, Innenstädte der Optik wegen von Bettlern geräumt, Obdachlosenheime angezündet, Ausländer zu Tode gehetzt und immer noch jüdische Gräber geschändet werden, haben Christen doch wohl eine Meinung. Wo schwarze Konten verwaltet und Geldkoffer vergessen werden, wo sich die Weltwirtschaft in ein gigantisches Spielkasino für Glücksritter verwandelt, wo Jugendliche keine Arbeit finden, wo man ihnen die Flügel bricht in dem Moment, da sie endlich fliegen wollen, wo der zuckersüße Glücksterror der Konsumstrategen alle Tiefen des menschlichen Daseins verspachtelt, wo Kinder pränatal aussortiert werden, Alte und Kranke als Störfall des Lifestile-Designs gelten, wo blindwütige Goldwäscher die natürlichen Lebensgrundlagen zerstören und das ethische "Genom" einer zivilisierten Gesellschaft schleichend atrophiert, wo inmitten einer wunderbaren Schöpfung, die uns kostenfrei geschenkt wurde, gentechnische Entdeckungen patentiert werden, da sollten Christen keine Meinung haben? Und auch, wo sich die einen Christen, verschreckt durch die Größe und Vielzahl ihrer Aufgaben, in fundamentalistische Rückwärtsträume flüchten, da sollten die anderen Christen nichts zu sagen haben?
Aber oft sitzen sie da und starren auf ihren konfessionellen Bauchnabel, jammern über verlorene Marktanteile, leere Kirchen oder öffentlichen Bedeutungsverlust. Sie stecken voller Antworten und warten verklemmt, dass sie jemand fragt, statt ihre Fragen an die Gesellschaft zu richten, beharrlich, lästig, mit brennender Geduld. Sie grübeln über Chancen und Gefahren und sollten stattdessen sich um die Not der Leute kümmern, mit der anarchischen Leidenschaft des Liebenden, die geheimnisvolle Kräfte mobilisiert, einen Überfluss an Ideen produziert und keine Sackgasse als unwiderruflich akzeptiert.
Der Protestantismus hat sich immer auf Paulus berufen, und wenn ich den ein wenig verstanden habe, heißt das: Wir müssen nicht fromm und brav sein, nicht baggern und schuften, nicht Punkte oder Fleißkärtchen sammeln, um am Ende der irdischen Mühsal vielleicht das Licht der Erlösung zu kassieren. Nein. Die Erlösung hat längst stattgefunden. Ihr Licht steht nicht vor, sondern hinter uns. Es beleuchtet den Weg, auf dem wir den Zeitspalt unseres Lebens zubringen, - und dann - na klar doch - tut man dieses oder unterlässt jenes, wirkt mit, wo es nötig ist, hilft den Verzagten auf die Sprünge, stellt die unterdrückten Fragen und hört auch den Weltkindern mit Neugier zu. - Niemand hat das Recht, mehr Glück zu verbrauchen als er selbst produziert. Die Welt braucht nämlich keine Kirchen, die sich mit sich selbst beschäftigen. Die Menschen brauchen keine Religion, die sie gängelt oder niedermacht. Jesus war nicht evangelisch und nicht katholisch. Er war nicht einmal Christ. Alles, was wir über ihn wissen, haben andere über ihn gesagt. Er wird nur sichtbar und spürbar durch die Wirkung, die er auf seine Zeitgenossen hatte, auch auf seine heutigen Zeitgenossen. Und die Gesellschaft spürt ihn durch deren Wirkung auf die politische Kultur in Stadt, Land und Welt.
So gesehen ist mir um die Rolle protestantischer Christen bei der humanen Gestaltung
unserer Welt nicht bange. Ob es diesen Gott wirklich gibt, an den die Christen
glauben, kann und will ich hier nicht entscheiden. Es müsste sich aber
für die Menschheit lohnen, dass einige - vielleicht irrtümlich - an
ihn glauben. Dann gibt es ihn auch. Eine neue Art von Gottesbeweis? - Nein,
eine uralte.
Rede
des Bochumer Oberbürgermeisters Ernst-Otto Stüber anlässlich
der Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises.
Dr. H.-D. Hoffmann, Theologischer Vize-Präses der Ev. Kirche von Westfalen:
Laudatio für Günter Brakelmann
Dr.
Günter Brakelmann: Respons
[Anfang der Seite]
[Home] [Biographie] [Bibliographie]
Preis [Lectures] [Bücher] [Kontakt]
[Weblinks]
[Sitemap]
[Newsletter] [Gästebuch]
Design by Andreas Losch